Entwurzelung im Privaten und Globalen

Die eine Geschichte, die wir diese Woche beleuchten möchten, spielt in Spanien und in Düsseldorf und dreht sich vordergründig “nur” um einen alten Baum; der andere Neustart inszeniert Julia Roberts als Shoppingkanalqueen. Glücklicherweise haben “El Olivo” und “Mother’s Day” – ein jeder auf seine Art, dem jeweils gewählten Genre angemessen, überraschende Tiefen. Einer der beiden Streifen verdient gar das Prädikat “unbedingt ansehen”.

AnnaCastilloEs scheint auf den ersten Blick ein recht schmonzettiges Thema: Eine Teenagerin will um jeden Preis einen alten Baum zurück nach Spanien auf den Grund und Boden ihrer Familie holen, weil das Herz des Großvaters an ihm hing und der alte Mann nunmehr in völlige Demenz abgeglitten scheint. Konkret geht es um ein Jahrhunderte, wenn nicht gar zweitausend Jahre altes Exemplar eines in diversen Religionen auch als Friedenszeichen geltenden Olivenbaums, das besagter Opa in Bajo Maestrazgo vor vielen Jahren nicht verpflanzt sehen wollte. Aber seine Kinder hatten in schon damals nicht mehr goldenen Zeiten als Landwirte ganz andere Pläne. Weil es galt den Bürgermeister zu bestechen, half es auch nichts, dass – als die Bagger anrückten – die Enkelin auf dem knorrigen und extrem üppigen Gewächs, welches sie dereinst an ein Monster erinnerte, einen Sitzstreik durchführen wollte, sich mit Händen und Füßen und einer Menge Geschrei und Tränen wehrte. Seither steht der echte Ölbaum eben in der Firmenzentrale eines Düsseldorfer Energiekonzerns – und Alma (die Enkelin mit traurigen Augen, wunderbar minimalistisch verkörpert von der generell ausstrahlungsstarken Anna Castillo) will handeln: Ein paar mittelgroße Lügen und ein wenig Geduld – schon hat sie einen Verwandten und einen weiteren Kerl (der unschwer erkennbar in sie verknallt ist) soweit, dass diese halblegal einen Sattelschlepper “ausborgen” und sich mit regelmäßigen Fahrerwechseln auf die recht weite Reise machen, auf der unter anderem die Freiheitsstatue und auch facebook eine Rolle spielen werden…

Nur vordergründig geht es in “El Olivo – Der Olivenbaum“, zu dem Paul Laverty (der langjährige Drehbuchautor von Ken Loach) für seine Partnerin, die Regisseurin Icíar Bollaín die Vorarbeit leistete, um die titelgebende, seit dem vierten Jahrtausend “v. Chr.” kultivierte Nutzpflanze. Die Tragikomödie mit Road-Movie-Elementen erzählt vielmehr beiläufig – also absolut wohl dosiert und damit umso effektvoller – etwa auch über die perverse Ausgestaltung von heutigen Hühnerfarmen, sonstiger Umweltzerstörung und ganz konkret von unterschiedlichsten Folgen der perverserweise “Globalisierung” getauften, systematischen Ausbeutung vieler durch einige wenige Länder – etwa anhand schwelender Generationenkonflikte bis hin zu eingeimpften Minderwertigkeitskomplexen (“Deutschland – schon der Name macht mich kleiner, als ich bin.”). Andererseits aber auch, wie schön es ist, über die kleinen und großen Dinge des Lebens zu philosophieren. Und nicht zuletzt über eine bei deutschen Jugendlichen weit verbreitete stoische und oder obrigkeitshörige “Denke”. Dieses Plädoyer für Menschlichkeit und Naturverbundenheit, diese mit einer jungen Frau besetzte Donquichotterie, diesen Abgesang auf Konsumgier sollten gerade deutsche Kinogänger unbedingt anschauen! Gerade weil ihnen Zeitungen wie die “Berliner” einzureden versuchen, dass hier dramaturgische Orientierungslosigkeit herrsche, der Film nicht über “Stammtischniveau” hinauskäme. Denn wenngleich tatsächlich auch einfache Spanier nachempfunden werden, wie sie in der Eckkneipe in zu simplen Weltbetrachtungen ihrem aber nur allzu verständlichen Frust Luft verschaffen, ist genau das Gegenteil der Fall. Gerade weil Bollaín letztlich vieles nur anreißt, schafft sie einen recht breit gefächerten, authentischen, aber keineswegs unversöhnlichen Blick auf ein Europa, das längst zur Dreiklassengesellschaft verkommen ist.

MothersDayJuliaRobertsMother’s Day” vom unlängst verstorbenen Garry Marshall (u.a. “Pretty Woman”) dreht sich – um es vorweg zu nehmen – um global betrachtet weit weniger gewichtige Probleme: primär um die unterschiedlichsten Konflikte in innerfamilären Dingen. Und dabei vor allem – wie es der Filmtitel vermuten lässt – um schwierige Mutter-Kind(er)-Beziehungen. Für einen absoluten Mainstreamfilm, der unter anderem auf die Frage setzt, ob sich am Ende eine Geschiedene (die mitansehen muss, wie ihr Ex mit einer weitaus Jüngeren herumturnt und ihr nun auch noch die gemeinsamen Kinder nachhaltig zu entfremden droht) und ein liebenswerter, aber chronisch – nicht nur beim Kauf von Baumwoll-Bio-Tampons – überforderter Witwer “kriegen”, ist “Mother’s Day” unterm Strich aber doch eine durchaus sympathische und gar nicht zu anspruchslose Unterhaltung. Denn auch hier hat das Mittel der Beiläufigkeit Methode – der nur scheinbar harmlose Alltagsrassismus in den Köpfen ganz “normaler” Amerikaner, die spätestens dann aus allen Wolken fallen, wenn der Schwiegersohn nicht “weiß” ist und Homosexualität wohl gar für Teufelszeug halten, spielt eine wiederkehrende Nebenrolle. Im Grunde ist der mit u.a. Jennifer Aniston, Jason Sudeikis, Kate Hudson, Sarah Chalke, Timothy Olyphant, Hector Eilzondo und Jennifer Garner starbesetzte Streifen so, als ob Ralph Siegel etwas aus den besseren Herbert Grönemeyer Zeiten (so um die Alben Sprünge, Luxus, Chaos…) adaptieren wollte und für seine Verhältnisse dabei ziemlich weit kam. Nicht nur aufgrund seiner Episodenhaftigkeit erinnert der Film, in dem Julia Roberts eine gekonnt falsch lächelnde Homeshoppingkanal-Moderatorin mit gruseliger Betonfrisur mimt, nämlich konkret an einen in einem seichteren Paralleluniversum gedrehten, um eine möglichst breite Zielgruppe zu erreichen, bewusst “romantisch” gehaltenen Neuaufguss von “Magnolia”. In Deutschland hat das Ganze den Untertitel “Liebe ist kein Kinderspiel” – das ist zwar eine Binse, aber so seltsame Verrisse wie insbesondere bei der “Welt” sind absolut unbegreiflich. Ausgerechnet letztgenanntes Blatt – nicht zufällig eine Heimstätt des üblen Hetzers Henryk M-Punkt Broder und lange genug auch Plattform des nicht minder gruseligen Matthias Matussek – beschreibt den Film “als hätte Donald Trump vor der Wahl noch schnell einen Feelgood-Film für die Sexisten und Rassisten Amerikas in Auftrag gegeben.” Eine gewisse Barbara Möller scheint nicht nur am Schluss des Streifens gar Nichts mehr wahrgenommen zu haben (oder eben schon deutlich vor dem Ende das Kino verlassen oder die Pressescreener-DVD abgeschaltet zu haben – denn es spielen zwar tatsächlich wenige aber keinesfalls “nur” eine “schwarze” Person mit, Stichwort: die Party wo jemand beim Karaokesingen verunglückt), sondern – weitaus gewichtiger – zu verwechseln, dass wenn eine Leinwandarbeit neben vielem “dies und das” auch zwei Vertreter von Alltagsrassismus zeigt und diese nicht gleich teert und federt, sich nicht per se mit jener engstirnigen Weltsicht gemein macht. Mother’s Day tut es jedenfalls nicht, gemahnt im Gegenteil auch daran, wie krank “die” amerikanische Polizei selbst bei banalsten Situation mit “Fremden” umgeht. Im Vergleich zu dem mit bedeutungsschwanger gesetzten lateinischen Worten geschmückten, wenn nicht gezielt bösartig verfassten in Summe schwachsinnig anmutenden Text des besagten Springer-Blatts, wirkt die in Wahrheit aber auch ziemlich dümmliche “Kritik” bei ntv schon regelrecht putzig: eine Sabine Oelmann fragt sich auf der Webseite des “Nachrichtensenders” explizit “in Gottes Namen” (sic!), warum “Jennifer Aniston nicht die handgeschriebenen Briefe ihrer beiden Jungs bis zum Ende” vorliest? Das sei “es doch, was den Muttertag ausmacht: Selbst gemachter Kitsch und Versprechungen mit Rechtschreibfehlern… (‘Liebste Mami, bringe dir ap jetzt immer sonttags das Frühstük ans Bett” oder” Es tuht mir echt leit, das ich nie den Müll rausbringe, ich verschpreche mich zu bässern’).” Zwei Filmrezensionen, die symptomatisch sind für die deutsche Medienlandschaft – die einen plädieren dafür, noch durchgängiger zum plumpen Beömmeln bespaßt zu werden, die anderen drehen offenbar durch – Stichwort: der attestierte “Sexismus” – wenn jemand wagt, tatsächlich skurrile Randerscheinungen, wie die Idee bei einer Parade einen “Gebärmutter”-Wagen aufzubieten, durch den Kakao zu ziehen. Entlarvend finden wir es hier bei kulturkueche.de übrigens, wenn erklärte Freundinnen von Frauenparkplätzen und dem Wörtchen “uns” (wenn sie von sich selber ausgehen und das kaschieren wollen), sich erklärtermaßen “verstört (fragen, wie es sein kann), dass sich Frauen wie Roberts, Hudson oder Jennifer Aniston für so etwas Dümmlich-Krudes hergeben”, und bei ihrer Gradmessung die Motivation von Männern, die gerüchtweise^^ auch mitspielten – natürlich – selbst theoretisch außer acht lassen.

Um wieder zum Film selbst zurückzukehren: Mother’s Day ist kein großer Wurf, aber auch weitaus mehr als ein belangloses Sommerfilmchen. Allein die gezielt spröde gezeichnete Frauenfigur, die ihr eigenes Kind vor vielen Jahren zur Adaption gab (welches sich, seit sie dahinter kam, nicht bei ihren leiblichen Erzeugern aufzuwachsen, mit einer gewissen Bindungsunfähigkeit herumquält), Opfer des eigenen Elternhauses geworden war und fortan ein Leben lang leise in sich hineinleiden sollte, ist durchaus ordentlich gesetzt. Erst recht die Sequenzen, die zeigen, wie schwer es trotz bestem Willen ist, seine eigenen Gefühle nicht anderen aufzustülpen; oder Szenen, die Beweggründe für’s Meiden der eigenen Eltern anreissen, erzählen viel über alltägliche Familienprobleme, die in Wahrheit auch oft auf Missverständnissen beruhen und daher tendenziell lösbar sein können.

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