Im Jahre 2025 einen Dokumentarfilm über John Lennon und Yoko Ono ins Kino zu bringen, klingt auf den ersten Blick vielleicht anachronistisch. Doch es ist tatsächlich eine absolut sehenswerte, phasenweise richtig tiefgründige Collage über zwei Musiker und Aktivisten, die in den letzten Jahren so dringend Nachahmer bräuchten.
Sie galten als das Traumpaar der Protestbewegung der 1970er in den USA und auch in Europa: Yoko Ono und John Lennon lebten zu jener Zeit in New York. Doch insbesondere sie hatte gefühlt die tausendfache Menge Menschen als “Hater”. Auch diese unschönen Tatsachen streift Regisseur Kevin Macdonald, der vor mehr als zehn Jahren bereits mit einer Abhandlung über Bob Marley auf sich aufmerksam machte, in seinem kaleidoskopartig angelegten Streifen, der ohne jedweden Off-Kommentar auskommt, wiederholt. Die anderen drei Beatles bekommt der Zuschauer indes nicht zu sehen. Aber es wird manchmal über sie gesprochen. Beziehungsweise es gibt insbesondere Interviewfetzen in denen der eine oder andere Reporter John irgendetwas zu den ehemaligen Weggefährten fragt und dieser meist in überraschenderweise antwortet.
Der Schwerpunkt der kurzweiligen aber keine Sekunde banalen Doku liegt auf dem Jahr 1972, in dem John und Yoko in New York eine neue Heimat finden und an dem „One To One“-Konzert arbeiten: eine Benefizveranstaltung für behinderte und staatlicherseits verwahrlost gehaltene Kinder. Archivbilder über eklatante Missstände aus den USA sind seltsamerweise auch bei zwischen den 1950ern und 1970ern großgewordenen Menschen in Deutschland nicht ins kollektive Gedächtnis gelangt. Aber erwähnt man hierzulande bei jener Generation Cighid und Ceaușescu hat jedermann Bilder im Kopf. Das hat sehr viel mit geschaffenen Medienwirklichkeiten zu tun. Wir erwähnen dies zu einer Musiker-Doku deshalb, weil Macdonald nicht nur mit Sequenzen die unter anderem Richard Nixon bei Wahlkampfveranstaltungen zeigen und belegen, dass Menschen in den Staaten schon Dekaden vor Trump politische Arschlöcher wie Rockstars zu empfangen wussten, sondern auch mit geschickt gesetzten Schnipseln aus Werbe-Fernsehen und Unterhaltungs-Shows ein breit gefächertes Gesellschaftsbild der USA (und nebenbei auch von “Großbritannien”) jener Zeit zwischen Vietnamkrieg und den Waltons nachzeichnen. Erfreulicherweise ist es eine Kinoproduktion die tatsächlich nicht nur manch Unbekanntes über John zu erzählen weiß, sondern auch dem zweiten Namen im Titel, also auch der Avantgardekünstlerin Yoko Ono sehr viel Tiefe und Würde verleiht und auch Einiges über ihr Leben vor den ersten Begegnungen mit Lennon offenbart. Entsprechend spielt auch die Tochter Kyoko Ono Cox aus erster Ehe eine Rolle.
Abgerundet wird dieser zeitlose und unbedingt sehenswerte Film mit einigen raren Konzertschnipseln und einer Unmenge an Audio-Material in denen man die beiden Protagonisten mit unterschiedlichsten Kollegen, Journalisten und Weggefährten telefonieren hört. Unter anderem mit Beat-Poet Allen Ginsberg oder dem Aktivisten A. J. Weberman, der dereinst Bob Dylan gegen sich aufbrachte, weil er sogar sprichwörtlich in dessen Müll wühlte. Der Hintergrund der Ton-Dokumente: Lennon wurde als Staatsfeind von der offiziellen Seite in den USA betrachtet, seine Telefonate wurden permanent abgehört und der Friedensaktivist hat damit man ihm seine Worte nicht zu leicht verdrehen oder aus dem Kontext reißen konnte, begonnen alle Gespräche selbst mitzuschneiden und zu archivieren.
