Die Katze schaut nur zu

Ein guter Ruf eilt dem neuesten Kinofilm mit Isabelle Huppert voraus: Bester fremdsprachiger Film und Beste Hauptdarstellerin bei den Golden Globes. Regie bei “Elle” führte Paul Verhoeven – der Mann der dereinst von Türkischen Früchten (mit Rutger Hauer) erzählte oder 1992 ernstlich einen Skandal auslösen konnte, weil die schon damals in jeder Hinsicht überschätzte Sharon Stone, während sie keinen Slip trug einmal die Beine übereinanderschlug. Warum wir hier an diese “Geschichte” erinnern? Weil auch der aktuelle Film des Niederländers den gezielten Tabubruch sucht.

Die offizielle Programmankündigung zu “Elle” in Deutschland deutet recht gut an, was wir meinen und verrät trotzdem noch nicht zuviel: “Michèle, Chefin einer erfolgreichen Firma für Videospiele, wirkt wie eine Frau, der nichts etwas anhaben kann. Unnahbar führt sie mit der gleichen Präzision und Kalkül ihre Firma wie ihr Liebesleben. Als Michèle eines Tages in ihrem Haus von einem Unbekannten angegriffen und vergewaltigt wird, scheint sie das Vorgefallene zunächst kalt zu lassen…” Der “eines Tages”-Übergriff ist dabei natürlich nichts, was irgendwann “nebenbei” auf der Leinwand passiert: es ist vielmehr der unmittelbare Auftakt von mehr als zwei Stunden tatsächlich sehr gewöhnungsbedürftiger, aber deswegen keineswegs schlechter Filmkunst. Der Hauptdarstellerin sei Dank! Ohne Huppert kann man sich am Ende kaum vorstellen, “Elle” nicht als völlig zwiespältig in Erinnerung zu behalten. Denn allein schon die (erste) Vergewaltigung: die hört man anfangs “nur” aus dem Off, es laufen gerade die letzten Namen auf dem schwarzen Vorspanngrund – der Filmtitel, die Protagonistn und der Regisseur sind da bereits “durch”; irgendwelches Porzellan fällt zu Boden, dann eben “Schreie” und Gestöhne, wo man noch nicht wirklich sicher sein kann, ob hier eine halt irgendwie sehr heftige Nummer zwischen zwei gleichberechtigten Partnern geschoben wird, oder inakzeptable Gewalt, gar ein richtiges Verbrechen im Spiel ist. Dann die ersten Bilder: eine schwarze Katze, die erst irgendwie fassungslos dreinzublicken scheint und sich dann – so sehr man eben die Mimik eines Stubentigers deuten kann – fast angewidert von dannen schleicht. In der nächsten Einstellung dann ein maskierter Mann auf einer schier regungslosen Frau, der sich gerade wieder die Hose hochzieht; dazu zerdebbertes Geschirr nahe des Opfers. Der Täter verschwindet in den nächsten Sekunden durch die Terrassentür, durch die er offenbar zuvor Zutritt erlangen konnte. Und offenbar keine zehn Minuten später sieht man sie die Scherben zusammenkehren, auch Klamotten entmüllen und schließlich ein Wannenbad nehmen – bei dem in einer irritierenden Ästhetik Farben gemischt erscheinen. Dann – es ist offensichtlich immer noch nicht wirklich viel Zeit vergangen – bestellt sie telefonisch Sushi. Auch für den Sohn, den sie offensichtlich am Abend planmäßig erwartete. Sie wird ihm vorlügen vom Rad gefallen zu sein – daher stamme die frische Verletzung in ihrem Gesicht.

Der PR-Text zu Verhoevens Film geht noch ein wenig über das oben Zitierte hinaus: “Doch ihr Leben ist über Nacht ein anderes geworden. Resolut spürt sie den Angreifer auf und verstrickt sich mit ihm in ein gefährliches Spiel aus Neugier, Anziehung und Rache…” – von “resolut” spürt der Zuschauer indes auch in der Folge zunächst wenig bis nichts. Zur Polizei geht Michèle jedenfalls auch am Tag danach nicht. Durch einen anderen Handlungsstrang kann man das aus ihrer subjektiven Weltanschaung auch sogar ein wenig nachvollziehen. Beziehungsweise redet man sich das vielleicht auch nur ein. Weil man ja ständig immer wirgendwie auf der Suche nach Antworten ist, wenn etwas nicht mehr nach Schema-F riecht. Als circa Zehnjährige musste Michèle wohl unmittelbar nach einem ungeheuerlichen Amoklauf ihres Vaters dabei sein, als dieser nach der Ermordung von 27 Menschen, sechs Hunden und einigen Katzen (wie die Protagnoistin mal “nebenbei” anmerkt werde über die Tiere “komischerweise” nie gesprochen) blutüberstömt in ihr Elternhaus zurückkam und dort diverse Dinge verbrennen wollte; in der Presse und bei Ermnittlern wurde dereinst wohl gemutmaßt, dass sie einigen der Morde vielleicht sogar tatenlos beigewohnt haben könnte…

Manche Kritikerkollegen nennen “Elle” eine bitterböse Gesellschaftssatire. Dies zu unterschreiben fällt uns schwer. Wobei schon viele tragikomische Momente eingebaut sind. Etwa der Umgang von Michèles Sohn mit dessen Freundin, die offenkundig das Kind eines anderen zur Welt brachte; einiges, was an ihrem Arbeitsplatz – der Videospieleschmiede – sowie drum herum abgeht und erst recht jene Szene, in der sie ihrem Ex und einigen Freunden beim gemeinsamen Edelrestaurantbesuch wie nebenbei eröffnet, was ihr in ihrer eigenen Wohnung unlängst widerfahren ist: da darf, wie einer der Herren am Tisch beschließt, aus Scham der Champagner doch glatt nicht gleich aufgetragen werden, sondern möge doch bittesehr noch ein viertel Stündchen hintanstehen.

In Kopf und Herz von Michèle kann man aber auch Stunden, ja auch Tage später nicht so recht schauen. Und das ist die Stärke dieses Films, in dem neben neben einer wirklich absolut herausragenden Huppert unter anderem auch Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel und Charles Berling mehr als nur solide agieren: Er bricht in schöner Regelmäßigkeit alle Erwartungen, legt falsche Fährten und sich selbst in keinster Weise fest. Klar scheint nur, dass sich Hupperts Charakter nicht zum Opfer degradieren lassen will, sich unabhängig von dem erlebten Überfall gemeinhin selber gerne das nimmt, worauf sie gerade Lust hat (etwa den Mann ihrer besten Freundin für eine halbgare Affäre) und – wie es ihre Arbeit mit Videospielen beweist – auch mit drastischen Bildern keine Berührungsängste hat. Als wenige Tage nah der Vergewaltigung beim Job ein Kurzclip kursiert, bei dem jemand in einer so wohl gar nicht vorgesehenen, also nebenher entwickelten Spielesequenz die blonde, comicartige Hauptfigur, die von irgendeinem Phantasiewesen dessen Tentakelarme plötzlich nicht mehr “nur” in Kopf oder Bauch sondern “speziell rhythmisch” zwischen die Beine gerammt bekommt, mit ihrem Konterfei versehen hat, scheint sie nicht wirklich angeekelt oder auch nur peinlich berührt. Michèle wähnt sich vielmehr dem Verbrecher auf der Spur, der in ihr Haus eingedrungen war und stiftet einen der wenigen Mitarbeiter, der sie nicht für eine grausige Chefin hält an, sich bei den anderen in deren Rechner einzuhecken. Irgendwann muss dann einer der Angestellten sprichwörtlich die Hosen runter lassen – was aber beileibe noch nicht das Ende der Geschichte ist.

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