Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Facetten der Liebe

In „Die Verlorenen“ scheint ein Paar in der Abgeschiedenheit in der sie leben, äußerst glücklich zu sein. Bis eine besorgniserregende Nachricht ihre heile Welt in Stücke zerreißt. In seinem Drama beschäftigt sich der polnische Regisseur Tomasz Wasilewski mit einem Tabuthema und den Auswirkungen für die Betroffenen.

Marlena (Dorota Kolak) ist über sechzig, hilft Frauen im Krankenhaus bei ihren Entbindungen, und wohnt mit ihrem deutlich jüngeren Partner irgendwo an der Küste. Weit und breit gibt es kaum Nachbarn. Die Beiden scheinen in ihrer Einsamkeit äußerst glücklich – und haben, das zeigen die ersten Filmminuten ausführlich, auch ein sehr erfülltes Sexleben. Ab und zu klingelt Marlenas Telefon, an das sie in Anwesenheit von ihrem Tomasz (Lukasz Simlat) nie rangeht. Und er fragt auch nicht nach, bis sie ihm eines Tages mitteilt, dass sie ihren – wohl lange Zeit entfremdeten, nun schwerstkranken – Sohn nach Hause holen möchte. Ihr Partner ist damit nicht einverstanden, kann sich aber ihrem Wunsch auch nicht wirklich widersetzten. Mit dem Einzug von Mikolaj (Tomasz Tyndyk) und mit der Last der Pflege kommen langsam aber sicher ernsthafte Reibereien zwischen den beiden Liebenden an die Oberfläche. Stück für Stück sammeln sich für die Zuschauer und Marlenas Umfeld Hinweise auf familiäre Geheimnisse…

„Die Verlorenen“ ist der vierte Spielfilm aus der Feder von Tomasz Wasilewski („United States of Love“), der sich unterschiedlichen Formen der Liebe widmet. Die Hebamme scheint vor längerer Zeit mit ihren nun erwachsenen Kindern – eine Tochter gibt es auch – gebrochen zu haben, um ihr jetziges Leben so führen zu können. Ihre Schuldgefühle in Bezug auf Mikolaj drohen sie nun völlig aus der Bahn zu werfen. In düsteren Farben und eigenwilligen Perspektiven gestaltet Wasilewski seine Erzählung, er zeichnet das kalte oft stürmische Meer als Symbol für die verborgenen Gefühle seiner Protagonistin. So, wie sie anfangs die graue See panisch meidet, hat sie ihr Herz zu einem Grab gemacht. Es braucht einen Auslöser, bis das ganze, um von der Gesellschaft nicht geächtet zu werden, auf Lügen aufgebaute Leben, zusammenbricht. Zum Schluss ergibt alles einen Sinn, jedes hingeworfene Wort, jede Geste, jede Gefühlsregung. Streckenweise ist die Geschichte einer dysfunktionalen Familie sehr anstrengend, mitunter auch über Gebühr langatmig, in jedem Fall nichts für sensible Gemüter. Etwa wenn man minutenlang von den qualvollen Schreien des schwerkranken Mikolaj umgeben ist. Da ist zwar nichts Voyeuristisches, aber es sind dennoch Schläge in die Magengegend. Gleichwohl kann man sich aber gerade deshalb ein Stück weit in die physisch und psychisch kaum erträgliche Lage von Marlena hineinversetzen. Und man ist gezwungen sich mit den Themen der Geschichte die weit über Krankheit und Sterben oder einer Beziehung mit “nur” großem Altersunterschied hinausgehen, auseinanderzusetzen.



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