Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Auf der Jagd nach Gedanken

In “Der lange Sommer der Theorie” geht es am Rande auch um Eva Braun und Pegida, vor allem aber um drei junge künstlerisch angehauchte Berlinerinnen, die über den Zustand ihres Lebens und der Gesellschaft sprechen und scheinbar magische Fähigkeiten besitzen, die Männer mitunter in Designerlampen verwandeln.

Wenn Ihnen werter Leser ganz unabhängig vom Kinostart der Titel „Der lange Sommer der Theorie“ etwas sagt, gehören Sie wahrscheinlich zu jenen, die Philipp Felschs gleichnamige Abhandlung zur Kultur- und Geistesgeschichte zwischen 1960 und 1990 kennen. Das mit „Geschichte einer Revolte“ untertitelte Werk behandelt unter anderem die Historie des Merve Verlags, der dereinst Westberliner Studenten und Avantgardisten mit philosophischer respektive politischer Literatur versorgte. Die Kinoproduktion nun spielt primär im Hier und Jetzt, berührt aber auch eine Menge philosophischer und politischer Fragen. Insbesondere auch die, wie die heutige Jugend – nicht nur, aber vor allem auch Studenten – sich zu diesen oder jenen Komplexen verhält bzw. ob bei den aktuell Twenty-Irgendwas überproportional viel Angepasstheit oder Resignation herrscht.

Im Mittelpunkt dabei: die ­so genannte “Euro­pacity” am Berliner Hauptbahnhof und die besagten drei Künstlerinnen: Katja (Katja Weilandt), Nola (Julia Zange) und ­Martina (Martina Schöne-Radunski). Sie leben in einer WG, die bisher wol mindestens einmal wöchentlich für Freunde und Bekannte ganz weit offen stand, so dass dann viele junge Leute gemeinsam mal mehr, mal minder tiefsinnig über Gott und die Welt, über Feminismus, Hartz-4, Konsum, Selbst­optimierung, Pegida und weiter Möglich- und Unmöglichkeiten schnattern. Neben den ebenfalls angedeuteten Spielereien, dass die drei mittels Fingerschnipp den einen oder anderen Lover in ein lebloses Lichtobjekt verwandeln und damit sprichwörtlich kalt stellen können, wechselt „Der lange Sommer der Theorie“ regelmäßig von inszenierten Szenen, die sich besonders gerne auch um eine bevorstehende Kündigung zu Lasten der Hausgemeinschaft oder Schauspieljobs (ein vergeigtes Vorsprechen beispielsweise, weil eine der Freundinnen die historische “Eva Braun” nicht so interpretieren wollte, wie von den Auftraggebern vorgesehen) drehen, zu klassischen Interviews. Diese führt in einer Art Film-im-Film  eine der Drei (Julia Zange) in immer dem selben hellblauen und mit diversen Worten bedruckten Hosenanzug durch: Gespräche mit unter anderem der Soziologin Jutta ­Allmendinger, den inzwischen gewesenen Volksbühnen-Dramaturg Carl Hegemann oder eben auch den Historiker Felsch, bei dem sich Irene von Alberti ihren Filmtitel entliehen hat.

Dass die Regisseurin in ihrem Streifen eine Geschichte um berlin­typisch prekäre Künstlerinnen herumbaut, bleibt über die gesamte Sehdauer stimmig. Aber viele Sequenzen erscheinen unter’m Strich trotzdem zu gewollt. Dabei räumen die Protagonistinnen gegen Ende ein, ja auch gar nicht den Anspruch gehabt zu haben, Antworten zu geben. Nein, vielmehr wollte man Bilanz ziehen. Sozusagen, den Ist-Stand abbilden und das Publikum zum Weiterdenken – wahrscheinlich im Sinne von “bitte selber aktiv werden!” – anregen. Dies gelingt ansatzweise. An den Charme des gemeinsam mit Miriam Dehne und ­Esther Gronenborn gedrehten Polesch-Episoden­films „Stadt als ­Beute“ (unter anderem mit Stipe Erceg, David Scheller, RP Kahl und Julia Hummer) kommt von ­Alberti hier zwar nicht ganz heran, hält aber viele nette, mitunter gar groteske Drehungen und Wendungen parat.

Vor allem wenn man weiß, was dieses Jahr an mittelmäßigen oder gar unterirdischen – der Tiefpunkt war mit Abstand bisher “Hard & Ugly” – Produktionen mit dem Etikett “deutsche Großstadtgeschichten” ins Kino kam, wird man diesen Film hier zu schätzen wissen. Aber wirklich mutig, wirklich kontrovers oder gar regelrecht unbequem ist „Der lange Sommer der Theorie“ leider nicht mal ansatzweise. Schade.



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