Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Haushälterin klopft ans Paradies

“Die Liebhaberin” – der zweite Spielfilm des Österreichers Lukas Valenta Rinner (“Parabellum”) – spielt in einer so genannten “gated community” in Buenos Aires: Eine dort als Haushältein Beschäftigte entdeckt eines Tages den Reiz eines nahe gelegenen Nudistencamps. Und doch ist die Produktion, die mit Förderung aus Südkorea entstand und diese Woche auf spanisch mit deutschen Untertiteln in die Kinos kommt, alles andere als ein Film für Voyeure. Vielmehr ist es ein cineastisches Kleinod mit einem Hang zur Groteske und einer großen Portion unaufdringlichen Anspruch. 

Belén ist in “Die Liebhaberin” (im Original “Los decentes” wörtlich übersetzt – “Die Anständigen” wäre es der bessere Filmtitel gewesen) besagte Frau, die sprichwörtlich zwischen zwei Welten wandelt. Verkörpert wird die Haushälterin von der nicht nur hierzulande bis dato außerhalb von Theaterbühnen gänzlich unbekannten Iride Mockert. Sie schafft es allein schon durch dezente Änderung ihrer Körperspannung, mit beiläufigsten Gesten und noch weniger Worten dem Zuschauer die äußerst unterschiedlichen Gefühlswelten ihres Charakters zu vermitteln, je nachdem in welcher “Welt” sich Belén gerade bewegt. Devot als Hausmädchen, nach und nach extrovertiert im Bereich der Nackten. Die Geschichte, die hier erzählt wird, startet direkt mit einem kleinen Casting. Bewerbungsgespräche kann man das nämlich nicht nennen, was die ersten Filmminuten über die Bühne geht. Die Reinemachefrau ist eine von vielen, die sich mittels Antworten auf vier-fünf Fragen im gefühlt zwei-Minuten-Takt mit der Bitte, beim Gehen die Tür für die nächste Kandidatin schon mal offen zu lassen, offensichtlich bei einer für den Zuschauer stimmlich und optisch nur aus dem Off auftretenden Vermittlungsagentur für gut betuchte Kunden vorstellen darf.

Den Job hat Belén schließlich bekommen – wahrscheinlich weil die modernen Sklavenhändler in ihr die anspruchsloseste Arbeiterin sahen, die auch bereit schien, bei ihren neuen Brötchengebern – einem jungen Mann, ein neuro­tischer ­Tennisprofi, der mitunter noch ins Bett pinkelt, und dessen sie fortan als Kummerkasten missbrauchenden Mutter – einzuziehen, weil sie kein soziales Leben, keine eigene Familie (mehr) hat. Zum Dienstantritt wartet auf die wortkarge junge Frau am Tor zu der eingezäunten Reichensiedlung erst einmal eine penible Taschenkontrolle. Und dann eben der grausige Job in einer überkandidelten, man könnte gar sagen, durchweg geschmacklos gestalteten, in jedem Fall protzig-arroganten Umgebung. Ein kleiner Lichtblick könnte da die Begegnung mit einem der anderen Bediensteten sein – ein uniformierter Aufpasser, der regelmäßig die weitläufige Siedlung mit seinem Dienstwägelchen durchquert. Es gibt zwar eine gewisse Annäherung zwischen Beiden, aber Belén hat längst ein weitaus interessanteres Ziel ausgemacht. An eine der Grenzen des Reichenviertels grenzt ein urbanes Nudistencamp. Einige Tage guckt sie nur, schließlich wagt sie die sprichwörtliche Grenzüberschreitung. Zwar ist auch hier die weitere Annäherung nicht eine Sache nur eines Tages – aber alsbald ist sie dort aufgenommen und tatsächlich gut aufgehoben…

Wie seine Hauptdarstellerin war auch Lukas Valenta Rinner zumindest bis
2015 (da lief sein “Parabellum” beim Filmfest in Rotterdam im Wettbewerb) im Filmbiz weitgehend unbekannt. Nun erzählt er eine Geschichte, die wie auf dem Plakat zu “Die Liebhaberin” dezent angedeutet wird, auch blutige Szenen beinhalten wird. Vor allem aber eine die zeigt, dass es ein respektables Leben zwischen Menschen geben kann fernab aller Schönheitsideale und aufoktroyierten gesellschaftlichen Normen. Zwar ist auch bei den Nudisten letztlich nicht alles das Paradies auf Erden, zwar steht für viele offensichtlich auch der teils ritualisierte Beischlaf im Vordergrund, aber dieser Streifen überrascht mit zwei, drei “Wendungen” dermaßen, wechselt so beiläufig die Filmgenres, so dass man als Kritiker, der diese Produktion als besonders empfehlenswert einstuft, gar nichts Weiteres von der Handlung auch nur andeuten mag. SEHENSWERT!



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