Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Das Jagen ist Janinas Frust

Agnieszka Holland liefert mit “Die Spur” einen feministisch angehauchten, bildgewaltigen Öko-Thriller. Allerdings einen, der unter’m Strich aus nahezu jedem erdenklichen Rahmen fällt und auch die polnische Kirche nicht ungeschoren lässt. 

Seit den 1970ern lieferte sie für Andrzej Wajda bereits Drehbücher (u.a. “Ohne Betäubung”, “Eine Liebe in Deutschland”), auch an Krzysztof Kieślowskis “Drei Farben: Blau” hatte sie maßgeblichen Anteil – um nur einige Beispiele ihres früheren Schaffens zu nennen. Ab Mitte der Neunziger saß Agnieszka Holland (geboren 1948 in Warschau) dann meist nur noch persönlich im Regiestuhl. Wie schon 1990 als sie mit dem Hitlerjungen Salomon zu Gange war. Vor ihrem aktuellen Kinofilm “Die Spur”, der in diesen Tagen in Deutschland startet, übrigens auch für zwei Folgen von “House of Cards”. Und nun also ein Öko-Thriller?

Im Original nennt sich der Streifen “Pokot”:  “Die Spur” ist eine Verfilmung des Romans “Der Gesang der Fledermäuse” von Olga Tokarczuk. In Deutschland wird das Buch unter anderem als “spannender moralischer Thriller” angeprießen, der sich um eine “schrullige Dorflehrerin” drehe. Doch so richtig schrullig erscheint die von Agnieszka Mandat dargestellte “Duszejko” – auch von Menschen, die ihr nahe stehen oder eine wichtigere Rolle in ihrem Leben einnehmen werden (man längst beim “du” ist), will sie partout nicht bei ihrem Vornamen Janina genannt werden  – von der Kinoleinwand herab, zumindest auf den zweiten Blick, denn gar nicht. Von den Grundschulkindern, denen sie Englisch beibringt, wird sie vielmehr nachvollziehbar regelrecht vergöttert. Und so verwundert es nicht, dass ihre gesamte Klasse auch spät in der Dunkelheit mit ihr umliegende Waldwinkel auf der Suche nach ihren beiden spurlos verschwundenen, groß gewachsenen Hunden – die für sie wie eigene Kidner sind – unterstützen. Leider vergeblich. Duszejko ist nicht nur die zentrale Figur des Films vor der Kamera, sie redet in “Die Spur” auch regelmäßig aus dem Off. Besonders gern vor allem über Astrologie. Aus den genauen Geburtsdaten eines jeden Menschen lässt sich für sie auch dessen Tod ableiten. Und gestorben wird viel in diesem Film – nie auf natürliche Art und Weise. Mit detektivisch anmutendem Ehrgeiz sinniert die alte, latent kratzbürstige, aber wirklich liebenswürdig anmutende Frau bei jedem durch erkennbare Gewalt Verblichenen auch gegenüber der Polizei darüber nach, ob nicht vielleicht die Tiere gegen sinnlos mordende  Zweibeiner systematisch zurückschlagen. Schließlich einte alle Opfer deren Vorliebe für die Jagd als Sport oder sonstige Tierquälereien – auch finden sich an den Tatorten bei genauerer Betrachtung stets Spuren von beispielsweise Rehhufen. Die Protagonistin kann sich gut in die geschundenen Kreaturen einfühlen, machte über Jahre immer wieder vergeblich Anzeigen gegen Wilderer.

Auch Gewalt – im Sinne von Unterdrückung und Ausbeutung – von Männern gegen das vermeintlich schwache Geschlecht sowie allzu willfährige, um nicht zu sagen reaktionär anmutende Kirchenvertreter (der Pastor betont “Gott hat die Tiere dem Menschen untergeordnet“, Hunde beerdigen zu wollen sei ein Frevel) sind Duszejko ein Dorn im Auge. Vor allem eine junge Frau, die ihrerseits um das Sorgerecht für ihren Bruder kämpft, der in einem Heim weggesperrt ist und beide wohl einem gewalttätigen Elternhaus entstammen, versucht sie genau aus diesen Gründen unter ihre Fittiche zu nehmen. Richtig auf Hochtouren kommt sie, als ausgerechnet ihr Schützling für die bisherigen Morde verdächtigt und in Untersuchungshaft gesperrt wird. Neben einem jungen Polizisten sind es vor allem ein Nachbar, der wohl schon länger für sie schwärmt, und auch ein Insektenforscher, die sich mit ihr dem Konformismus nachdrücklich verweigern.

In dem bildgewaltigen Streifen, in dem es am Rande auch um Gedichte von William Blake geht, bleibt es bis zum Schluss spannend. Alle paar Minuten hat man gar das Gefühl, aus der Mixtur von Krimi, Thriller, schwarzer Komödie und und einer auch ansatzweise in der Schublade feministisch und ökologisch engagiertes Sozialdrama verortbaren Geschichte könnte gar ein regelrecher Horrorfilm werden. Dabei ist der Horror fraglos nicht nur in dem postsozialistischen Heimatland der Regisseurin, das hier gezielt sein Fett wettkriegt, sondern europaweit – auch und gerade im Süden von Deutschland – seit Jahrzehnten mal mehr, mal weniger offensichtlich Realität. Kleingeister und Menschen- sowie Tierfeinde regieren die Welt. Erfreulicherweise vermittelt “Die Spur” nicht das Gefühl, dass beherzter Kampf gegen eine patriarchalische Gesellschaft oder nachdrückliches Eintreten für Vegetarismus ein allein selig machendes Wundermittel dagegen wären.

Dass das manchen verquasten (sic!) “Journalisten”, etwa einem, der im letzten Jahr einen auf ganzer Linie gescheiterten Film zu “Hitlers Hollywood” ins Kino brachte, das Gezeigte “offenkundig” zu hoch ist, hat uns sehr amüsiert. Insbesondere, dass Rüdiger Suchsland der Filmfigur Duszejko im zwangsfinanzierten Radio (und auch online) attestiert, Menschen zu hassen sowie zuvörderst eine grundlose Querulantin zu sein, ja sogar Verschwörungstheorien anzuhängen, wo sie doch weitgehend nur offensichtlichste Vetternwirtschaften anprangert. Und noch mehr, dass der Filmkritiker des SWR Regisseurin Agnieszka Holland allen Ernstes vorwirft, die “Männer. Die Politik. Die ganze Gesellschaft” …  “offenkundig” zu verabscheuen. Wir hingegen sagen: der Film “Die Spur” ist ein absolut sehenswerter Auftakt in ein hoffentlich noch sehr vielfältiges Kinojahr 2018.



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