Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Als ob David Lynch die Comicwelt betritt

Neu im Kino: Under the Silver Lake von Robert Mitchell – als der Mann vor vier Jahren mit “It Follows” einen Horrorstreifen vorlegte, in dem ein junger Mensch nach dem anderen von einem Wesen verfolgt wird, welches niemand außer dem jeweils Gejagten sehen kann, das dazu in verschiedenen bekannten oder auch unbekannten Gestalten auftritt und offenbar jeden töten kann, sobald es einen berührt, war “die Kritik” vollauf des Lobes. Das neueste Werk des 1974 geborenen, amerikanischen Filmemachers hingegen wird von fast allen Mainstreammedien geschlachtet. Zu Unrecht!

Zugegeben, die Geschichte, die wie es der Titel vermuten lässt in Los Angeles angesiedelt ist und tatsächlich auch – Stichwort Hollywood – über weite Strecken das Filmbiz, besser gesagt dessen vermeintlich omnipräsente Schattenseiten an sich thematisiert, kann auf mancheinen insgesamt einen ganzen Ticken zu langatmig geraten wirken. Die nominelle und wahrlich nicht durchgehend kurzweilig gehaltene Spieldauer beträgt immerhin 139 Minuten. Verwöhnt wird der Zuschauer in diesen jedoch mit einer originären Bildsprache (Kameramann: Mike Gioulakis), einem stimmigen Soundgewand, zahllosen Verbeugungen vor, aber auch dezenten Veräppelungen von bekannten Filmen (es beginnt im Grunde wie einst bei Jeff Jefferies in Hitchcocks “Das Fenster zum Hof”) respektive Kinoklischees bis hin zu einer besonders süßen selbstreferentiellen Szene, in der der auch als Spider-Man bekannte Hauptdarsteller Andrew Garfield ein einschlägiges Comicheft nur mit Müh und Not wieder abschütteln kann.

Nicht dass Sie sich durch unsere Überschrift hier in die Irre leiten lassen: Under the Silver Lake ist kein Film mit Animationselementen oder gar ein Comicfilm. Trotzdem ist es fast so, als ob Regisseur Mitchell hier das Ziel verfolgte, das Feeling von David Lynch’ “Mulholland Drive” aufzufangen, aber das Ganze denn in eine astreine Geschichte der Popkultur zu gießen, in der eben auch Comics und Fanzines, Nintendo-Computerspiele sowie die fiktive Band “Jesus and the Brides of Dracula” eine bedeutende Nebenrolle spielen. Der Plot erzählt zwei Storys, die – so zumindest der über kurz oder lang Verdacht des von Andrew Garfield verkörperten überdurchschnittlich intelligenten Arbeitslosen Sam – wahrscheinlich sehr viel miteinander zu tun haben. Zum einen treibt ein Hundemörder sein Unwesen in der Stadt der Engel. Zum anderen ist am Tag nachdem er mit ihr direkt nach dem ersten Kennenlernen eine Nacht verbracht hat, seine Nachbarin Sarah (Riley Keough) spurlos verschwunden. Und mit ihr ihr gesamtes Hab und Gut. Dafür finden sich aber seltsame Zeichen an die Wand gekrakelt. Der gemeinsame Makler, dem Sam im Übrigen mehrere Monatsmieten schuldet und somit seinerseits in den kommenden Tagen vom fristlosen Rauswurf bedroht ist, findet das scheinbar völlig normal. Eben auch, dass Sarah ihrem potentiellen Lover, obwohl sie sich doch erst vor wenigen Stunden speziell für ihn lasziv am Pool räkelte, ihren Auszug nicht einmal angedeutet hat.

Da im Weiteren ein gemeiner Mord an einem einflußreichen Mann im Raum steht, der wiederum etwas mit dem Verschwinden von Sarah zu tun haben könnte, ein diabolisch wirkender Komponist den Glauben an Kurt Cobains “Smells like Teen Spirit” zu zerstören droht, immer wieder auch ein Männer fressender Mensch/Tier-Hybrid herumgeistert und Sam schon zuvor eher argwöhnisch auf die Welt der “Reichen und Schönen” blickte, geht es nund arum Codes zu entschlüsseln. Und die lauern vermeintlich auch in kleinsten gesten irgendwelcher Gameshows oder auf alten Cornflakes-Packungen.

Radikale “Beliebigkeit” wittert darin der Spiegel, die seit Jahren in vielerlei Hinsicht unangenehmst verhaltensauffällige Zeit bezichtigt den Filmemacher “Postmodernismus-Kitsch” zu verbreiten, irgendein vor allem in Bayern bekanntes Boulevardblatt ätzt von “esoterischem TamTam” und “obskuren Verschwörungstheorien” und Maria Wiesner beweist mit ihrem “Hipster mit Verschwörerschwips” überschriebenen Verriss, dass man auch in der FAZ unbedingt damit rechnen muss, dass deren Autoren ihre eigene Meinung/erwartung nicht von der schlichten Erzählebene auseinanderhalten können: demnach ginge es um “einen jungen Mann ohne Ambitionen, der sich auf der Suche nach einer Blondine in Verschwörungstheorien verstrickt.” Doch Sam verstrickt sich eben summa summarum gerade nicht. So unwirklich man jedweden Handlungsfortgang verdammen mag – Geschmäcker, und erst recht die Bereitschaft etwas auch nur theoretisch als nicht völlig unvorstellbar abzutun, sind verschieden (wir hier in der kulturkueche mochten jedoch zumindest rund 2/3 des Streifens sehr): Am Ende deckt Sam eine wahnwitzige Geschichte auf, in der Bunkerwelten und Vielweiberei weißer Eliten keine allzu große Überraschung innerhalb des Plots mehr darstellen. Die aberwitzigsten Rezensenten aber werfen Regisseur Robert Mitchell nicht nur wahlweise einen schlechten bis hin zu einem zu gewagten Film biereernst überlsten Sexismus vor, weil hier alles aus Männersicht und insbesonder gefühlt jede 1,5. Frau als feuchter Traum erscheint. Dass dies aber sowohl im Hollywoodkino, welches hier mehr als einen satirischen Konter kriegt, als auch in der Mehrheit amerikanischer Musikvideos schlicht Gegenwartswirklichkeit ist und dort aber vom Mainstream gern gefressen wird, ist ein Witz in sich.



Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *