Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

ARCHIVtext 2003-2010 Wenn Teenager träumen

Ein 16-jähriger und sein drittes Album

 

Der Legende nach war es 1993 als der damals Sechsjährige auf der Chronic Tour von Dr. Dre mit seinen Skills keinen geringeren als den alten Hasen Snoop Dogg so sehr begeisterte, dass ihn dieser in seine Umkleidekabine bestellte, Lil Bow Wow*** taufte und gleich unter seine Fittiche nehmen wollte. Fakt ist, dass der schwarze Rapper mit seinen heute immer noch – gemessen an dem Hype um ihn – unverschämt jungen 16 Jahren bereits sein drittes Album vorlegt. Und das ist zwar kein potentieller Meilenstein der Musikgeschichte aber zum einen absolut rund und trotz überwiegend banaler Texte zumindest in den USA derzeit ein Riesenerfolg.  

 

Immerhin wurde er dort ja auch von Jermain Dupri, seinem zweiten Förderer, der schon die Hip Hop-Kids Kris Kross entdeckt und mit “Jump” an die Spitze der Billboard Charts geführt hatte, systematisch aufgebaut. Weil “die Mädels zwischen 11 und 16 ja noch keinen richtigen Star zum Identifizieren” hatten, durfte der Junge eine mit Diamanten besetzte Micky Mouse-Halskette aus Platin tragen und sich als einer, der an den jungen Michael Jackson erinnert, feiern lassen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Debüts “Beware Of Dog” ist Lil 13 Jahre alt. Obwohl noch Teenager war er bereits featured Artist auf diversen Platten von bekannten Hip Hop-Größen wie Will Smith (“Wild Wild West”) und Jermain Dupri (“Big Momma’´s House”) und in Videos von Destinys Child und Co. zu sehen. Das “Guinness Buch der Rekorde” führt ihn als jüngsten Solorapper, der jemals einen Nummer-Eins-Hit in den US-Charts landen konnte. 2001 durfte er die Grammy-Verleihung eröffnen. Medien in Übersee hypen ihn schon länger als einen der “die Welt verändern wird”. Mit “Shago” hat er gar schon seine eigene Klamottenmarke am Markt, ist auch im Kino präsent (“Like Mike”, “Johnson Family Vacation”).

 

Und nun also die “Entfesselung” mit “Unleashed”? Weg mit dem Niedlichkeitsbonus, dem schmälernden Lil-Attribut und sich nur noch Bow Wow nennen. Eine Menge Gaststars, wie R’n’B-Sängerin Amerie, um sich sammeln und beim Produzieren mit den Erfolgreichsten der Erfolgreichen zusammenarbeiten. Nämlich dem Duo “The Neptunes”, das schon  Britney Spears, Justin Timberlake, Busta Rhymes, Nelly und vielen, vielen anderen Hits auf den Leib geschneidert hat. Was insofern schade ist, denn so rund das Album beim ersten Hören erscheint, so beliebig klingt es beim zweiten Durchgang. Das auf der CD als Bonus mitgelieferte Video zum Club-Smasher “Let’s get down” verstärkt den Eindruck. Alles irgendwie eine Spur zuviel  “gewollt”.

 

Zwar gehen dem Knaben die Rhymes ausgesprochen flink von den Lippen, auch wirkt seine Stimme – selbst wenn man Computerspielereien natürlich nicht ausschließen darf – extrem ausgereift, doch allein schon das Intro mit dem Hundegebell kommt daher, als ob hier einer zwanghaft einen auf dicke Hose machen will. Das abgeschmackte Prahlen können auch die Big-Beats und paar netten Bläser-Riffs leider nicht übertönen. Aber vielleicht sollte man gar nicht so streng sein, und glauben, dass das, was der junge Rapper aus Columbus/ Ohio da über Zukunft, Gegenwart, Frauen und Co. so alles zusammen singt, eben wirklich genau die Themen sind, wenn heute Teeanger träumen***. Also für deutsche Verhältnisse ist Bow Wow vielleicht sogar so etwas wie Peter Kraus in den 1950er/1960ern. Im Guten wie im Schlechten.



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