Wahlberlinerinnen, die auf Schweizerdeutsch von Alpöhis Alp und bittersüßer Seemannsromantik singen und ein Terzett, das gegen jugendverherrlichende Rockmusik ankämpft: Das 8. Chansonfest Berlin
Sie klatschten dem Publikum alles um die Ohren, was ihnen auf der Seele brennt: von der Liebeserklärung bis zur Abtreibung, von der Demütigung über die absolute Hingabe bis zum Mord. Auf ihrem aktuellen Plattencover präsentieren sich beide gänzlich “oben ohne”. Seit kurzem nennen sich die 2001 mit dem Niedersächsischen Kleinkunstpreis ausgezeichneten Marianne Iser und Thomas Duda nicht mehr nach ihren eigenen Nachnamen, sondern schlichtweg “Schneewittchen”. Auf den ersten Höreindruck hin würde man ihre Musik eher mit Gothic-Art oder Pop-Rock als mit Chanson beschreiben. Boris Steinberg, Veranstalter des Berliner Chansonfests und in diesem Jahr mit Ausschnitten aus seinem fünften Album selbst wieder live in diesem Rahmen zu genießen, hat sie dennoch eingeladen. Oder vielleicht auch gerade deshalb, weil die Kampfansage des Duos an die Spaßgesellschaft sich – wie das Festival – so wohltuend jeder Schublade verwahrt.
Mit dem BKA-Theater in Kreuzberg, das sich in diesem Sommer mit einem eigenen feinen Chansonfestival (“Sommerfrische”) als würdig für deutschsprachige Klangperlen erweisen durfte, bezieht das Vier-Tage-Programm übrigens bereits die dritte Spielstätte in acht Jahren. Das einzige, was hier Bestand zu haben scheint: die Mischung aus Neuem und Etabliertem. Im letzten Jahr begeisterte Ex-Rainbirds-Ikone Katharina Franck mit “Zeitlupenkino”. Und der empfindsame Liedermacher Florian Glässing konnte sich erstmals einem größeren Publikum präsentieren. Diesmal eröffnet das “Aktionsbündnis gegen jugendverherrlichende Rockmusik”, besser bekannt unter dem Namen Ecki-Busch-Terzett, mit Akkordeon, Vibraphon, dreistimmigen Gesängen und Geschichten über Schlager und Schlaghosen. Und – wiederum als Kontrast – steht morgen Abend auch die im Prenzlauer Berg heimisch gewordene Schweizerin Lisa Berg auf der Bühne. Von Alpöhis Alp und bittersüßer Seemannsromantik wird sie singen, aber nicht nur auf Hochdeutsch, sondern auch in Mundart. Abgesehen von dem Duo Schneewittchen, das sich den Samstagabend mit Lokalmatadorin Tanja Ries und dem von Nena “entdeckten” Uwe Felski teilt, werden die folgenden drei Festivaltage dann vor allem weitere Kombination von neuer deutscher Popmusik mit dem klassischen Chansongenre erprobt. Ein wahres Aushängeschild für die neuerdings “Lied – Song – Chanson – Pop” untertitelte Reihe.
