Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

ARCHIVtext 2003-2010 Comedians, Sommerhits und Boney M.

Frisch Gepresstes aus deutschen Landen

 

Berliner haben’s gut. Die konnten sich in diesem Jahr das Einüben alberner oder pseudoerotischer Tanzschritte zu einem neuen Gassenhauer a la “Macarena” oder “Las Ketchup” getrost sparen. Denn der Sommerhit des Jahres, zumindest innerhalb der imaginären Hauptstadtgrenzen, kam diesmal aus Berlin selbst und bedurfte keiner großen Choreographie, um sich mittendrin statt nur dabei zu fühlen.

 

Für alle, die es tatsächlich noch nicht mitbekommen haben: “Görli Görli”, Plattenreiter respektive P.R. Kantates unglaublich charmante Liebeserklärung an seine Wahlheimat, übertrifft nicht nur die musikalische Vorlage, den 80er-Jahre Reggae-Ohrwurm “Girlie Girlie” von One-Hit-Wonder Sophia Georges, in punkto federleichtem Sommerfeeling um Längen. Nein, der Mann, der auch in Kindertheater-Aufführungen auftritt (die Kulturküche wird darüber in Kürze berichten) und sich als multiple Persönlichkeit sieht*** vereinte die letzten Monate überdies Ost- und Westberliner, indem er die Spitznamen beliebter U- und S-Bahnstationen beider Stadtteile spielerisch aufgreift. Analog zu den Nachwehen des Films “Amelie” sollen nun auch in der deutschen Hauptstadt bereits erste Touristenscharen unterwegs sein, die anhand dieses Gute-Laune-Versprühenden Kulturerzeugnisses Plätze und Sehenswürdigkeiten ablaufen.

 

Kaiserbase

Noch ein bisschen mehr bundesweite Verbreitung von dem ebenfalls Metropolen-Ohren streichelnden Kaiserbase-Projekt und die Besucher der verarmten Bundesregierungsherberge müssen sich entscheiden, welches Lied sie dabei vor sich hinsummen. Denn “Berlin, du bist so wunderbar”, das schon wie 2raumwohnungs “Wir trafen uns in einem Garten” ursprünglich für einen Kinowerbespot komponiert war und nur auf Umwegen auf CD landete, groovt nicht minder. Zeilen von mit Kaiserbase-Mastermind Robert Philipp befreundeten Rappern wie “Ick mag freche Jör‘n und die Berliner Schnauze” oder “bei mir heißt der Eurocent immer noch Pfennich“ bringen das hauptstädtische Lebensgefühl herrlich unprätentiös auf den Punkt und laden mit lässigen Beats zum Wegträumen ein. Nicht so trotzig wie einst Ideals “Wir steh’n auf Berlin”, aber aus heutiger Zeitgeistsicht mindestens genauso cool.

 

Knorkator

Philipp entstammt im übrigen dem Umfeld von Mellowbag, die zusammen mit Freundeskreis und Gentleman “Tabula Rasa” zum Hit machten, und hat auch enge Connections zu den ungekrönten Dancehall-Königen von Seeed, so dass es nicht von ungefähr kommt, wenn Musiker wie Rod von den Ärzten oder eben Seeed-Gitarrist Rübi für die Maxi unverzüglich “wunderbar”-(e)-Remixe beigesteuert haben. Dass die Mitwirkung prominenter Kollegen nicht immer primär dem künstlerischen Unterfangen dient, beweist indes – irgendwie kommen wir bei diesem Schnelldurchlauf durch die aktuell erwähnenswertesten Platten aus deutschen Landen nicht davon los – die Berliner Krawall-Combo Knorkator. Die haben sich unlängst “Schlagergott” Guildo Horn eingeladen, um ihn eine eigene Version ihres Schimpfkanons “Schmutzfink” einspielen und ihre irgendwie recht lustige neue Platte “ich hasse Musik” promoten zu lassen. Darauf finden sich Lieder, 12 Stück an der Zahl, die “Schweigeminute zum Gedenken an die gute alte Zeit” nicht mitgerechnet, von denen eines schräger als das andere klingt.

 

Suit Yourself

Asiensounds werden hier genauso durch den Kakao gezogen wie Mittelalterklänge oder Rammsteinartiges und “ma Baker” von Boney M. Doch beim zweiten Hören stellt sich bis auf letztgenannten Track denn auch wieder recht schnell Langeweile ein. Aber immerhin weiß man bei den Jungs von Knorkator, dass sie sich mit ihrem Ritt durch den Gemüsegarten der Stilrichtungen nicht im Geringsten ernst nehmen. Schön, wenn man das auch von der Baden-Württemberger Formation Suit Yourself, die mit “Parka” unlängst ihr zweiten Album vorgelegt hat, behaupten könnte. Doch leider scheinen sie pseudokeck verschleierte Titel wie “dfy”, in denen sie irgendwelchen “bloody faces” so etwas wie “Teufel, verfick dich” hinterher brüllen, sogar noch als besonders ambitioniert zu betrachten, um im nächsten Lied einen doch eher imaginären weiblichen Fan eine hey,hey,hey-ige Hymne hinzulegen. “Schon ziemlich schrubbig” ist noch das Netteste, was mir zu diesem kruden Mix aus poppigen Refrains und Alternative-Anklängen, die bestimmt schon irgendein willfähriger Kollege in die ohnedies viel zu große Nu Metal-Schublade gesteckt hat, einfallen mag.

 

Cassandra Steen

Apropos rein: lieber etwas Neues in den Player. Wobei so richtig neu ist Cassandra Steen ja gar nicht, lieh ja schon einem anderen 3p-Projekt (das Label, bei dem Sabrina Setlur und Xavier Naidoo erfolgreich wurden), nämlich Glashaus, ihre soul-geladene Stimme. Bis auf das bemüht daher kommende, Inspiration getaufte Intro, das schlicht große internationale Bühnenkollegen aufzählt und dabei eher nach üblem Namedropping, denn nach Verbeugung riecht, wirkt ihr Solodebüt unterm Strich ausgesprochen emotional und sogar irgendwie tiefsinnig. Wenn da nur nicht immer wieder ein paar mehr oder minder bekannte Männerstimmen, etwa Moses Pelham und Eko Fresh, auftauchen würden und mit abgestandenen Weisheiten wie “Das Schicksal fickt mal eben dein ganzes Leben”, Sätzen wie “vielleicht komm ich in die Hölle, weil ich’s nicht anders verdien, bis dahin hör ich die Engelsstimme von Cassandra Steen” oder gar Einsprechern a là “Das singe ich nur für Cassandra, für niemanden sonst” stören müssten, wäre “Seele mit Herz” für Liebhaber von betont gefühlvollen Frauenstimmen ein wirklich rundum empfehlenswertes Album. Erst recht in Anbetracht des ebenso überraschenden, wie astrein gesungenen Schlusspunktes. Da gibt sich Cassandra nämlich klassisch und beweist, wie gut sich eine italienische Arie zwischen Pop-, Gospel- und Liebeslieder einreihen lässt.

 

Stefan Jürgens

Die größte Überraschung des ablaufenden Monats ist aber Stefan Jürgens. Das Gründungsmitglied der einst im ganzen Land verehrten RTL-Comedy-Show “Samstag Nacht”, das schon lange den Sprung vom derb-witzigen Komiker zurück (!) zu Ernsthaftem im Theater als auch in Kino und TV geschafft hat, legt mit “Langstreckenlauf” eine CD der Sonderklasse vor. Melancholisch und weich, stellenweise bittersüß, klingen die durchweg selbgeschriebenen, von Klavier und Streichern getragenen Popchansons, mit denen der Vater dreier Kinder nach eigener Aussage sein Lebenstempo etwas drosseln will. Geschichten zwischen Job- und Zukunftsangst und Beziehungsstress, Zeilen wie “Ich sammle Deine Gesten ein, Deine Blicke liegen überall verteilt” oder “1000 Köche ohne Küche – jeder hat den besten Rat” verbreiten stellenweise gar ein leichtes Gänsehautgefühl. Man darf gespannt sein auf Jürgens aktuelles Soloprogramm, das diese eindringlichen Songs mit Standup Comedy mischen will. Von seinem Auftritt im Berliner Tränenpalast werden wir in der ersten Oktoberwoche berichten.



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