Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

ARCHIVtext 2003-2010 Taschenrechnerstücke zurückklauen

Während Kraftwerk an ihrem eigenen Denkmal kratzen, liefert deren ehemaliger “Mitarbeiter” Karl Bartos Unverkrampftes

 

Natürlich, der Jingle zur EXPO 2000. Hier und da mal ein Auftritt. Etwa letztes Jahr in Paris als ihre legendären Roboter im Museum ausgestellt wurden. Und die immer wieder aufflackernden Gerüchte, dass sie es der Welt bald doch noch präsentieren werden, das perfekte Popalbum: Kraftwerk waren die letzten 16 Jahre auch ohne neue Veröffentlichungen immer irgendwie präsent. Nicht zuletzt weil zahlreiche junge neue Electro-Bands sich auf Kraftwerk-Klassiker wie „Autobahn“ oder „Mensch-Maschine“ beriefen und die Düsseldorfer der Legende nach ohnedies so etwas wie die Initialzünder des Techno-Sounds waren. Keine noch so tröge Aufarbeitung der 70er und 80er Jahre, die im neuen Millennium auch Erinnerungen an weniger wegweisende Künste wachrief, kam ohne sie aus.

 

 

Statt aber einfach unsterblich zu bleiben, kratzen Ralf Hütter und Florian Schneider, beide stramm auf die sechzig zugehend, nun an ihrem eigenen Denkmal. Meldeten sich vergangene Woche – obwohl die 100. Auflage des weltweit wichtigsten und populärsten Radrennens nicht einmal mehr aperiodisch erscheinende Medien beschäftigt – mit sehr halbherzigen „Tour de France – Soundtracks“ zurück. Anders als zu ihren Anfangszeiten, als Personal Computer noch weitgehend unbekannt waren und folgerichtig jeder staunte, wie die Beiden mit wechselnden Unterstützern derart futuristische Musik produzieren konnten, bleiben Revolution, selbst kleine Überraschungen, gänzlich aus.

 

 

Immerhin wurden schwirrende Radketten und pochende Herzen durchaus stilvoll in die Musik integriert. Die für den Kraftwerk „Gesang“ typische, nüchterne Aneinanderreihung von Worten, die doch fast so etwas wie richtige Sätze ergibt und die Abfolge der Songs – etwa Chrono, Vitamin, Aéro Dynamik, Titanium und Elektro Kardiogramm – suggerieren schon beim zweiten, dritten Hören, dass das alles perfekt zusammenpasst und atemberaubende Bergetappen und beängstigend schnelle Abfahrten überhaupt nur so musikalisch umgesetzt werden konnten. Doch dann, die Anzeige des Abspielgeräts wechselt wieder auf die 12, und die zwanzig Jahre alte, erste kraftwerksche „Tour de France“-Komposition erklingt, ist klar: irgendwie wirkten die Herren mal unbeschwerter, weniger überladen, verspielter, mutiger und vor allem frischer.

 

Und als ob dies nicht traurig genug wäre, antworteten sie dem Spiegel, der mutmaßte ob 16 Jahre vergingen, weil sie der „Ruhm so gelähmt“ hätte, dass sie sich seither nicht den ganzen Tag begeistert auf die Schultern geklopft hätten, vielmehr sehr ziel orientiert arbeiten. „Dabei gibt es keinen 4- oder 20-Jahresplan. Wir haben zuletzt wenig veröffentlicht, könnten das Tempo aber jederzeit anziehen.“ Sich immer wieder neu erfinden, gelingt eben nur ein paar Ausnahmekünstlern wie vielleicht David Bowie. Oder Karl Bartos, bis 1991 selbst im „Kraftwerk“-Trikot, aber dann den kreativen Schaffenspausen müde. Freilich hat sein Name beim Publikum noch keinen so populären Klang, wie der des Ex-Wahlberliners oder der Bandname seiner einstigen „Arbeitgeber“, für die der ausgebildete Schlagzeuger u. a. an „Die Roboter” und „Das Model” mitbastelte. Aber durch seine erfolgreichen Tätigkeiten als Autor und Produzent von „OMD“ und „Deine Lakaien“ scheint er schon lange auf dem richtigen Weg. Mit dem im September startenden Longplayer „Communication“ liefert er nun schließlich genau das, was die vordergründig konzeptionelleren „Tour de France – Soundtracks“ vermissen lassen: Spannung, Intensität und die Möglichkeit, sich im Kopf eine eigene Vorstellung von Musik zu machen.

 

Da klingt nichts gewollt modern, es ist es einfach. Immer auf der Höhe der Zeit, unverkrampft. Im Ansatz durchaus medienkritisch und nicht so bemüht, den eigenen Status auch für jüngere Generationen nachhaltig zu zementieren. Die werden ja sowieso glauben, hier nehme einer Anleihen bei Depeche Mode und Co. Bartos hat sich aber schlimmstenfalls zurückgeholt, was er selbst mitbegründet hat. Und er hat es als 1-Mann-Team an die Spitze gebracht. Zumindest beim qua internen Kraftvergleich.



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