Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

ARCHIVtext 2003-2010 Sackpfeifen werden leiser

Zeitliche Distanz verklärt. So assoziieren mit Mittelalter viele Menschen mittlerweile eine magische Epoche, in der überwiegend edle Eigenschaften auf der Tagesordnung standen. Musikern wie Corvus Corax, die bereits in DDR-Zeiten als Straßenmusiker begannen und mit der auf Texte der “Carmina Burana”-Sammlung basierenden “Hymnus Cantica” unlängst den bombastischen Soundtrack zum Kaltenberger Ritterturnier ablieferten, kann man dies längst nicht mehr vorwerfen.

 

Schlägt doch gerade bei Mittelalter-Combos zurzeit die “Neue Deutsche Härte” erbarmungslos durch. Dudelsäcke, Sackpfeifen und Drehleiern treten in den Hintergrund. Bis auf wenige Ausnahmen, wie die sakral angehauchten, äußerst entdeckenswerten Projekte der Sängerin Syrah (Qntal, Estampie), die als Frau hier ohnedies allein auf weiter Flur steht, werden auch die Texte ruppiger.

 

Selbst die folkigen Klänge, wie sie die nur partiell zur Szene zählenden Inchtabokatables bis zu ihrer Auflösung letztes Jahr so perfekt zelebrierten, gehen verloren. Am extremsten ist der Wandel bei Subway to Sally bemerkbar, die unlängst eine Lanze für die angeblich dem braunen Gesinnungsterror abgeschworenen Brachialrocker Böhsen Onkelz brachen. Sie selbst wollten sich fortan aktuelleren Themen zu wenden. Und in der Tat tauchen in einem der weniger ätzenden Lieder des aktuellen Albums gesellschaftliche Probleme wie Kindesmissbrauch auf. Die große Mehrheit des Songmaterials von dem schon in puncto Artwork martialischen “Engelskrieger” wirkt aber nur verkrampft und kokettiert dreist mit “sterbenden Völkern” sowie falschen und richtigen Heilsbringern.

 

Weit weniger pathetisch und – allein aus Gründen der Unterscheidbarkeit kann dies kaum hoch genug bewertet werden – nicht so durchgehend dicht am Rammstein-Klon bewegen sich In Extremo auf ihrem in Kürze erscheinenden Album “7”. Die Vorab-Single “Küss mich”, mit der die Berliner Lokalmatadoren mit dem Hang zu Metal-Anleihen nun auch vom Musikkanal Viva auf Dauerrotation gesetzt wurden, und damit neue Zielgruppen erschließen, lässt freilich anderes vermuten. Außer diesem Hitparadenerfolg und dem mit übertrieben tiefen Sprechgesang und wenig spürbarer Ironie daherkommenden “Albtraum” wirkt ihr – der Name ist Programm – siebter Longplayer im besten Sinne aber wirklich abwechslungsreich. Bei immerhin noch rund der Hälfte der Tracks werden hörbar Schalmei und andere zur “klassischen” Mittelalterausrüstung gehörenden Instrumente gerockt.

 

Allerdings nicht ganz so für den breiteren Musikgeschmack angelegt wie bei Schandmaul, einer der wenigen süddeutschen Vertreter in der von ostdeutschen Gruppen beherrschten Gattung. Deren Arrangements kommen ausnahmslos frisch und ausgesprochen stimmungsvoll daher und verzichten unter anderem auch auf jedwede Stilisierung des Buchstabens “R”.

 

Authentisch mittelalterlich wirkende Klänge und Instrumente behalten stets die Oberhand. Wenn dann noch orientalische Versatzstücke durchblitzen und sich herrlich klarer Frauengesang zu der verwegenen Stimme des Hauptsängers mischt, wird Sehnsucht voll und ganz befriedigt. Nicht die nach einer vermeintlich besseren Zeit, sondern nach eindeutig unzweideutiger Unterhaltung.



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