Zwei eigentlich gar nicht vergleichbare Alben. Nur, dass sie beide von Menschen stammen, die zuletzt vor allem wegen Trennungen von anderen prominenten Menschen in den Medien waren: Sabrina Setlur und Billy Bob Thornton singen über mehr oder weniger Privates.
Seit zwei Jahren findet Sabrina Setlur bevorzugt in der Boulevardpresse statt. Betrunken am Steuer wurde sie aus dem Verkehr gezogen. Man munkelte gar, sie sei magersüchtig oder nehme harte Drogen. Und dann natürlich die Sache mit Boris Becker. Als Glamour-Fee mit Street Credibility galt sie schon vorher. Als bestes Pferd in Moses Pelhams 3P-Stall nach Xavier Naidoos Weggang sowieso. Dass die Rapperin mit den iranischen Wurzeln – die melancholisch genauso drauf hat, wie maulig markant – schon seit langem von der Bildfläche verschwunden gewesen wäre, gäbe es bei Künstlern nur Berichte über das, was sie gerade von Berufs wegen tun, stand derweil in keinem Blatt. Aber jetzt ist es ja da, Album Nummer vier und die stellenweise über Hand nehmende Promo dafür, die im Grunde schon mit ihrer “Arbeit” als Jury-Mitglied bei der TV-Casting-Show “Popstars” im Sommer begonnen hatte, kann langsam wieder einen Gang zurückschalten.
Dabei ist “Sabs”, so der nur Spötter an Boris Beckers Ehefrau erinnernde Titel dieser 18 Stücke umfassenden Liedersammlung, bis auf wenige Ausnahmen gar nicht einmal schlecht. Aber schlicht zu bedeutungsschwanger tönen zu Beginn der Platte Klänge, die nicht zufällig an eines der Meisterwerke von Queen erinnern. Nur, dass bei der Setlur “The Show must go on” “S muss weitergehen” heißt und ihr breites Hessisch nicht wirklich mit diesen – nach einem kurzen Intro – auch musikalisch verwursteten Klängen harmonieren mag. Der Rest ist dann fast durchgehend Sabrina Setlur, wie man sie kennt – egal ob man sie mag oder hasst. Und wie im Hause 3P gute Tradition, darf wieder die ganze Label-Familie inklusive Cassandra Steen mitmischen.
Kampfansagen – unter anderem gegen die Medienmeute
Überraschungen sind hierbei aber keine zu erwarten. Schnodderig, zickig, aggressiv, dazwischen Mal ein paar Sekunden romantisch und dann wieder rotzig mit gefletschten Zähnen. Genau da geht’s weiter, wo sie mit Hits a la der Alter-verpiss-dich-Tirade “Du liebst mich nicht” aufgehört und die deutschen Hitparaden gestürmt hat. Der Refrain der ersten Singleauskopplung “Ich bin so, dass die Bild-Zeitung über mich schreiben will” und viele andere Stellen auf “Sabs” enthalten Kampfansagen gegen die Medienmeute, aber auch gegen nicht näher definierte Feindbilder. Und auch wenn es etwa in “Mein Herz” weitaus leiser, liebevoller zugeht: Die Zeile aus dem Song “Die Auserwählte” “Wir haben alle Scheiße in uns, aber ich lass sie raus,” könnte als Arbeitsmotto zu diesem Album gedient haben, das in einer durch eine Collage aus vermeintlich “wichtigen Meldungen” eingeleiteten Geschichte über ihr Privatleben gipfelt. Auch wenn es offensichtlich ironisch gemeint ist, aber vor allem weil sie in Interviews stets betonte, dass die Leute,” die mich nur aus der Klatschpresse kennen”, sowieso keine Plattenkäufer von ihr seien, erscheinen gerade Sätze wie “Wollt ihr hören harte Stories, wie es war mit Boris? (…) Willst du wissen, wie der Sex so lief (…)” schlichtweg unnötig, wie der viel zitierte Kropf.
Ganz anders verhält es sich bei dem ab kommenden Montag in den Läden stehenden Album von dem gemeinhin nur als Schauspieler und Ex-Mann von Angelina “Lara Croft” Jolie bekannten Billy Bob Thornton. Der hat vor wenigen Wochen ein aus gemeinsamen Tagen stammendes Tattoo zu einem Engel und dem Wort “Peace” umarbeiten lassen. “Sehen Sie das ‘A’ hier? Da stand ‘Angelina'”, sagte er unlängst in einem Interview. “Das ist meine Art zu sagen: ‘Nichts für ungut’.” Und auch wenn das auf den ersten Blick kitschig klingen mag, spätestens beim Genuss aller 17 Songs von “The Edge of the world” nimmt man es ihm ab.
Zwar klingen auch hier persönliche Erfahrungen durch, doch wird’s trotz teils todtrauriger Passagen kein klitzekleines bisschen rührselig – und schon gar keine Sekunde wirkt es wie eine billige Abrechnung. Vielmehr wie ein Gesamtkunstwerk, das auch zwei altbekannte Stücke in einer leicht modernisierten Form mit einbezieht. Zum einen den durch Harry Nilsson berühmt gemachten Folk-Rock-Song “Everybody’s talking”, zum anderen – und hier zeigt sich spätestens die unglaubliche Bandbreite des Mannes, der in Filmen so oft nur wortkarg auftritt – Tracy Chapmans “Baby can I hold you”.
Billy Bob Thornton benötigt keine billige Abrechnung
Madigmacher möchten jetzt vielleicht einwenden – “Noch ein singender Schauspieler?” Doch weit gefehlt. Denn bereits kurz nach der Highschool mischte der Mann, der 1996 mit der Low-Budget-Produktion “Sling Blade” den Durchbruch schaffte und auch gleich einen Oscar errang, bei einer Musikertruppe mit und hatte es bis zu der Filmauszeichnung gar zu einer eigenen Soulband und zum Trommlerjob einer ZZ-Top-Tribute-Combo gebracht.
Aber selbst wenn dem so wäre und Thornton erst jetzt als erfolgreicher Schauspieler mit Musik gestartet wäre. Man müsste sagen: es war überfällig. Wir haben es hier nämlich mit Qualitäten zu tun, die sich durchaus mit denen klassischer Singer/Songwriter messen lassen können. “The Edge Of The World” ist folkig, an manchen Stellen voll düsterer Melancholie, aber in jedem Fall ein Album, das man gut durchhören kann. Und dann gleich noch einmal einlegt. Bei ein, zwei Stücken erinnert Billy Bobs Stimme, die zumeist rau und ungeschliffen daherkommt, zwar an die des Crash Test Dummies-Sängers. Aber nachdem viele von deren “Mmm Mmm Mmm Mmm” nicht genug kriegen konnten… Im Ernst: Selten wurden die letzten Jahre Momente des Zweifelns und Selbstzweifels stimmiger und stimmungsvoller umgesetzt. Und hier kann man zugleich wirklich sicher sein, dass nicht die falschen Leute kaufen werden.
