Seeed – Stilbruch mit System und Sinn
Viele ihrer Texte drehen sich um das Zwischenmenschliche, um Tricks, das Leben mehr zu genießen, oder schlicht um ihre Wahlheimat Berlin. Seeed sind damit natürlich bei weitem nicht so eindeutig politisch wie etwa der ebenfalls vom Reggae beseelte Hans Söllner, der im fernen Bayern Unions-Politiker und Staatsschützer regelmäßig dazu bringt, sich in ihrem Verfolgungswahn lächerlich zu machen. Gleichwohl setzt die elfköpfige Musik-Formation, die 2001 mit der vermeintlichen Hauptstadt-Hymne “Dickes B“ wie aus dem Nichts die deutschen Hitparaden eroberte und auch in diesem Sommer mit ihrem zweiten Album “Music Monks“ zahlreiche Erfolge einfahren, vor allem bei allen wichtigen Festivals zigtausende Fans dazu gewinnen konnte, keineswegs auf rein vordergründigen Unterhaltungswert. Subtile Anti-Gewalt-Botschaften erschließen sich allerdings oft erst beim dritten, vierten Hören und Kritiker fichten Zeilen wie „Was du verdienst, ist was du kriegst“ und Passagen, die unverhohlen von gegenseitigem Respekt und Füreinander-da-sein predigen, gerne als zu banal an.
Und überhaupt: Kann man eine Band, die mit durchweg sommerlichen Rhythmen Massen begeistert, pausenlos Stilbruch begeht, indem sie Rocksteady, Dub, Roots-Reggae, Hip Hop, Dancehall, elektronische Versatzstücke, ja sogar die englische und deutsche Sprache wild durcheinander mixt, wirklich ernst nehmen? Man kann nicht nur, man muss sogar. Denn, ganz abgesehen davon, dass es sich um eine absolut mitreißende Liveband handelt, haben die Jungs von Seeed etwas geschafft, was in Deutschland und erst recht in Berlin wahrhaft Seltenheitswert besitzt. So abgeschmackt es klingen mag: Sie verbinden Menschen, lassen Grenzen in den Köpfen verschwinden und stehen damit dem wohl bekanntesten Reggae-Künstler Bob Marley in nichts nach.
Zahllose eingesessene West-Berliner stürmten wie selbstverständlich zu ihren Auftritten in den Osten der Stadt. Stildogmatiker werfen alle Vorurteile über den Haufen und so tanzt die HipHop-Fraktion friedvoll mit den Ska-Besessenen zu nun auch mal fernöstlich klingenden Bläser-Sound. Niemand fragt nach der Herkunft der auch von der Hautfarbe her bunt gemischten Musiker. Und obwohl gerade mal einer von ihnen aus Jamaica kommt, gelten auch Seeeds Reggae-Portionen als authentisch, was vor allem daran liegt, dass sie die Einflüsse verschiedenster Kulturen, die sie in ihren Stücken verschmelzen, wirklich ernst nehmen und doch immer wieder etwas Neues hinzuzufügen haben. Kein Track klingt wie der andere und doch alles wie aus einem Guss und vor allem originär statt aufdringlich nach „Ich bin ein Hit“.
Mit Album Nummer zwei will die ursprünglich als „mobiles Reggae-Einsatzkommando“, im Stile einer Marching Band, für den Berliner Karneval der Kulturen geplante Formation offenkundig hoch hinaus. Und es könnte klappen. Obwohl immer noch vieles auf Deutsch gesungen wird, klingt „Music Monks“ im besten Wortsinne so international, wie sonst kaum etwas aus deutschen Landen. Ähnliches zeichnete schon die inzwischen 150.000-fach verkaufte Debüt-Scheibe „New Dubby Conquerors“ aus. Nach R.E.M., die Seeed bereits als Vorgruppe einsetzten, als deren erstes, unter anderem im U-Bahnhof Alexanderplatz entstandenes Musikvideo gerade erst begann, die Runde zu machen, hat mittlerweile auch „Funkmaster“ Bootsy Collins, der zu seinen Hochzeiten die Grundsteine für Disco und schließlich HipHop-Sounds legte, die Vorzüge der Berliner erkannt und deren Samples auf seinem jüngsten Album verwandt. Umgekehrt suchen auch die doppelten Echo-Gewinner selbst die Zusammenarbeit mit internationalen Stars und laden sowohl für die Plattenaufnahmen als auch für die Konzerte große jamaikanische Namen wie Elephant Man, Tanya Stephens und Anthony B als Gäste.
Kennen gelernt haben sich die acht Musiker und die drei gleichberechtigten Sänger Enuff, Eased und Ear, alias Demba, Allessa und Pierre, übrigens 1998 beim Multi-Kulti-Projekt Yaam im Treptower Park in Berlin. Und da sie sich dieser beim gemeinen Wahl-Hauptstädter als ein bisschen zu verranzt geltenden Location noch immer verpflichtet fühlen, trotz aller erklärten internationalen Ambitionen immer noch am liebsten für ihre Fans der ersten Stunde, und damit in relativ kleinem Rahmen spielen, gab es Ende Mai ein Geheimkonzert zum äußerst bodenständigen Preis von gerade einmal acht Euro Eintritt. Ohne ein einziges Plakat, ohne Hinweisen auf der eigenen Website – nur durch Mund-Propaganda haben sich knapp 2.000 Leute eingefunden und es „ihren Jungs“ von Herzen gedankt. Ein bisschen Lokalpatriotismus schwingt bei Seeed nämlich auch mit. Nicht zufällig war es schließlich auch wieder “Berlin”, das als erstes “ausverkauft” für die am 18. September startende “Ride again”-Tour vermelden konnte.
