Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

ARCHIVtext 2003-2010 Heiße Höschen und brennende Ohren

Das JazzFest Berlin 2003 überrascht mit imaginären Illusionen.

 

Das Titelmotiv des Programmheftes hätte die Jazzpuristen schon warnen müssen: Eine Comic-Figur  mit brennenden Ohren und leicht verstörtem Gesichtsausdruck kommt einem da entgegen. Gewisse Ähnlichkeiten mit manchem Gast nach Verlassen des Eröffnungskonzerts des Jazzfestes 2003 im Haus der Berliner Festspiele waren nicht zu übersehen. Das französische Musiker-kollektiv Arfi zusammen mit dem Zauberer Abdul Alafrez und im Anschluss die Japanerin Miharu Koshi mit ihrem Ensemble sprengten lustvoll mit ihren theatralischen Projekten die Hör- und Sehgewohnheiten vieler Premierengäste durch ihr Konzept der imaginären Illusionen. 

 

Die “Association à la Recherche d’un Folklore Imaginaire” – kurz: Arfi – präsentierte zum ersten Mal in Deutschland ihr Programm “La Grande Illusion”. Das zwölfköpfige Ensemble aus Lyon, unterstützt von einem Magier, zaubert nicht nur musikalisch, sondern die Musik und ihre Interpreten selbst werden zum Gegenstand der Zauberei. In einer Halbwelt atemberaubender Tricks und optischer Irrungen werden die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination aufgehoben, Augen und Ohren des Publikums überlistet. Da liefert sich ein Posaunist ein musikalisches Duell mit seinem scheinbaren Spiegelbild, persifliert ein Luft-Percussion-Spieler auf nicht vorhandenen Instrumenten eine musikalische Ekstase und schwankt eine Militärkapelle mit dreibeinigen Mitgliedern wild improvisierend über die Bühne. Immer auf der Suche nach einer imaginären Folklore, da ist der Name schon Programm. Dabei erinnern Arfi streckenweise an die verrückten Blechcombos aus diversen Kusturica-Filmen. Die wilde Energie und ironische Spielfreude des Ensembles, sowie die perfekte Umsetzung der Illusions-Show ist in dieser Mischung wirklich einmalig, noch dazu auf einer Veranstaltung, die unter dem Label Jazzfest firmiert. 

 

Hotpants und keckes Cowboyhütchen als Kontrast zum steifen Frack

 

Der zweite Teil des Abends verlangte dem Publikum nicht weniger Offenheit und Sinn für Persiflage ab. Was einige Dutzend wohl nicht mehr gewillt waren aufzubringen und den Ort des Geschehens während der Show fluchtartig verließen. Grund dafür waren Miharu Koshi aus Japan und ihr Programm “Musique Hall”, das sie zum ersten Mal in Europa aufführte. Deren Vorliebe für avantgardistische Vermengung von Form und Inhalt nebst ironischer Brechung üblicher Wahrnehmungsroutinen sucht wahrlich seinesgleichen. Die Geisha-Chanteuse bringt mit ihrer glockenhellen Stimme klassische französische Chansons zum Vortrag. Dabei begleitet sie sich wahlweise selbst an Akkordeon oder Klavier und hopst grazil mit drei Kolleginnen über die Bühne. Ihre “chansons imaginaires” performed die zierliche Kindfrau in Lackstiefelchen, Hotpants, Korsage und keckem Cowboyhütchen, in Kontrast zu ihren musikalischen Begleitern an Piano und Fagott, die im steifen Frack eingezwängt sind.

 

Der distanzierte Blick aus dem fernen Osten ins alte Europa und dessen Varietes des frühen 20. Jahrhunderts ist sicher nicht ohne Reiz, für den Geschmack des gewöhnlichen Mitteleuropäers aber eher befremdlich und haarscharf an der Grenze zum Klischeekitsch. Und Madame Koshis Spiel mit erotischen Projektionen von frecher Lolita über devote Geisha bis hin zur Femme Fatale gipfelt letztlich in ihrer Schlussnummer: Im Rotlichtkegel der Diskokugel trillert sie in ihrem frivolen Outfit mit einer sakralen Inbrunst ein Ave Maria, das jedes fromme Gotteshaus in einen Lusttempel verwandeln würde.  

 

Multikulturell und stilübergreifend

 

Das ambitionierte Programmkonzept des neuen künstlerischen Leiters Peter Schulze ist durchaus mutig zu nennen, wenn es auch ein wenig der finanziellen Not geschuldet ist. Er will lebendige und weniger bekannte Entwicklungen der Musikszene vorstellen, und das unter dem Etikett Jazzfest, wobei der Begriff Jazz extrem weit gefasst ist. Aber der ehemalige Musikchef von Radio Bremen 2 sieht in engstirnigen Genrediskussionen eher eine Erstarrung als eine Dynamisierung der Szene. Auf teure amerikanische Superstars wird verzichtet zugunsten von innovativeren europäischen und asiatischen Ensembles. Dabei bilden Frankreich und Japan einen kleinen Schwerpunkt. Jedoch können sich die Freunde des eher klassischen Genres und bekannterer Namen trösten: Das Festival bietet mit legendären Größen wie David “Fathead“ Newman, Louis Sclavis oder Tomasz Stanko auch für ihren Geschmack Exquisites.  

 

Neugierig darf man sein auf Acts wie das Tin Hat Trio mit ihrem multikulturellen und stilübergreifenden Ansatz oder die Nordafrikaner DuOud, die ihre Oud-Improvisationen mit Elektro-Grooves unterlegen. Ungewöhnliche Stilmixe bieten auch der türkisch-amerikanische Saxofonist Ilhan Ersahin oder der israelische Klarinettist Gilad Atzmon mit seinem Orient House Ensemble. Moderne Bandkonzepte mit Tanzgarantie offerieren die französische Formation noJazz oder Jaga Jazzist aus Norwegen. Die Jünger des Soul-Jazz sollten zu Dr. Lonnie Smith pilgern und für Freunde deutscher Tradition bietet sich die wunderbar vielseitige Künstlerin Ulrike Haage an, die in diesem Jahr zu Recht mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet wird.

 

So hält das JazzFest Berlin ´03 eine immense Bandbreite an Stilen, kulturellen Wurzeln und innovativen Ansätzen bereit, die selbst die ansonsten dem Genre Jazz gegenüber Indifferenten neugierig machen sollte. Und auch die Erschreckten und Geflüchteten des Eröffnungsabends dürfen zurückkommen: Der Jazz in all seinen Spielarten wird sie tolerant wieder in seine Familie aufnehmen.



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