Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Alltag an den EU-Außengrenzen ins Gedächtnis rufen

Neu im Kino: “Als Paul über das Meer kam” – der Untertitel von Jakob Preuss’ Doku über einen Flüchtling auf seiner lebensgefährlichen Reise von Kamerun nach Deutschland lautet “Tagebuch einer Begegnung” und beschreibt sehr gut, was der Filmemacher hier betont unaufgeregt und differnziert auf die Leinwand bringt.

Als in Südasien dieser Tage weit über 1.000 Menschen im Zuge einer Naturkatastrophe verreckten, berichten deutsche Medien – wenn überhaupt – unter ferner liefen. Glücklicherweise nur maximal 50 Tote in den USA, ebenfalls durch Unwetter, hingegen dominieren gleichzeitig tagelang alle prominenten Newsplätze hierzulande. Sogar Geschichten über mögliche wirtschaftliche Folgen eines Hurrican in den Staaten sind vielen “Kollegen” wichtiger als die Opfer in Indien, Nepal und Bangladesch.

Weg vom Tagesgeschehen, näher ran an den Kern der – um es vorweg zu nehmen – ziemlich gut gelungenen Doku “Als Paul über das Meer kam”, die diese Woche neu ins Kino kommt: Wenn Trump über noch schärfere Abschottung “seines” Amerikas vor Menschen aus Mexiko schwadroniert – pervers genug –  ist gefühlt mindestens jeder Zweite in Deutschland empört. Doch von Melilla, einem ehemaligen Kolonialposten, der heute von einem martialischen Grenzzaun umgeben ist, einem Ort wo Afrika und Europa unmittelbar aufeinandertreffen, hat wahrscheinlich noch nicht einmal ein Bruchteil gehört, geschweige denn, dass man sich sorgt, was Menschen an diesem und anderen Punkten der “Außengrenzen der EU” droht.

Jakob Preuss’ filmisches Tagebuch startet genau bei dieser spanischen Exklave an der marokkanischen Mittelmeerküste. Er zeigt perverseste Gegensätze: Afrikaner, die alles zurückgelassen haben, auf Zäunen – sie hoffen in einem unbeobachteten Moment auf die andere Seite zu kommen. Jene Seite, auf der irgendwelche Weißen in Seelenruhe Golfbälle über’s satte Grün schlagen. Doch die Grenzpolizisten vor Ort sind gemeinhin hellwach und schleifen nahezu jeden Schwarzen der durchzubrechen droht, wieder zurück.

Die Alternative ist somit für viele der Versuch mittels eines Schleuserbootes den letzten Teil ihrer Odyssee zurückzulegen. Auch für Paul Nkamani. Er hat sich aus seiner Heimat Kamerun durch die Sahara bis an die Küste Marokkos durchgeschlagen. In einem improvisierten Flüchtlingscamp sah ihn der Dokumentarfilmer – ein gelernter Jurist – zum ersten Mal. Viele interessante Geschichten zu Träumen, Nöten und Ängsten auch weiterer Refugees wurden da bereits für die Nachwelt gebannt. Als Preuss dann – wieder zuhause von seiner großen Recherchereise mit dem Arbeitstitel „Europe‘s Borderlands“ – im TV einen Beitrag über ein verunglücktes Schlauchboot auf dem Weg nach Europa, bei dem die Hälfte seiner Mitreisenden stirbt, sieht und Paul als einen der Überlebenden wieder erblickt, begibt er sich auf eine weitere Reise. Eine, die ihn nun  zur Abschiebehaft des Kameruners im spanischen Tarifa, nach Paris und unter anderem Eisenhüttenstadt, dort in eine “Zentralen Aufnahmestelle” für Flüchtlinge, führen soll, ehe er seinen Protagonisten – Jahre später – mit seinen Eltern “verkuppelt”: Flüchtling Paul wird irgendwann im ehemaligen Kinderzimmer des Regisseurs unterkommen. Und der Zuschauer viele ambivalente Gefühle des Jakob Preuss mitbekommen. Auch weil er irgendwann erkennt, dass “sein” persönlicher Refugee perfiderweise für eine recht rigorose Abschottungspolitik ist.

Es ist auf der gesamten Strecke des Films für den Zuschauer glaubhaft nachzuvollziehen, warum und bis zu welchem Maß der Filmemacher beschloss und weitgehend durchzog, nicht mehr der Außenstehende, der das Sujet Flucht nur beobachtet sein zu können und zu wollen. Trotzdem verteufelt Preuss nicht die diversen Erfüllungsgehilfen der zynischen EU-Grenzpolitik, wenn er unter anderem am eingangs erwähnten Zaun von Melilla mit spanischen Polizisten, portugiesischen Militärs auf einem Patrouillenboot im Rahmen einer Frontex-Mission oder deutsche Bundespolizisten bei einer Schleierfahndung beobachtet und interviewt.

Kurzum: Ein Film mit Haltung, aber auch einer, der viel Raum für eigene Gedanken lässt. Absolut sehenswert.



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