Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

adopted – Dokumentarfilm v. Rouven Rech

adopted_02Angefangen hat alles als Kunst-projekt. Gudrun F. Widlok war inspiriert von der vor allem jährlich zur Weihnachtszeit verteilten Werbung, Kinder aus “Drittweltländern” zu “adoptieren” bzw. Patenschaften zu übernehmen. Das heißt etwa Geld für die Ausbildung der “Armen” zu spenden. Und so überlegte sie, wie es umgekehrt wäre: wenn afrikanische Familien einsame Europäer bei sich aufnehmen würden. Als das Projekt eine Eigendynamik entwickelte, begleitete sie mit dem Regisseur Rouven Rech drei Erwachsene in ihre neuen Familien. Herausgekommen ist dabei der nun auf DVD erhältliche Dokumentarfilm “adopted”.

In einem Ausstellungsraum hängen Ganzkörperfotos von Männern und Frauen in unterschiedlichem Alter. Die Besucher – zumeist Familien mit Kindern, wenn nicht gar drei Generationen auf einmal – gehen von einem Bild zum anderen, diskutieren miteinander, dann rufen sie einen Mann zu sich, der hier als Organisator den Hut auf zu haben scheint, und deuten auf eines der Fotos. Sie haben sich somit gerade für ein neues Familienmitglied entschieden.

Die Besucher sind Ghanaer. Sie wollen die einsamen Westeuropäer für unbestimmte Zeit zu sich aufnehmen und ihnen das Gefühl einer intakten Familie vermitteln. Thelma – eine junge Isländerin aus Berlin, Ludger – ein Schauspieler Anfang 40 und Gisela – eine verwitwete ehemalige Lehrerin über 70 haben ihre Familien gefunden und reisen daraufhin nach Afrika. Während Thelma bald feststellt, dass sie mit den stundenlangen Gottesdiensten ihrer Ersatzfamilie nichts anfangen kann, Gisela trotz ihrer anfänglichen Offenheit für fremde Kulturen ebenfalls irgendwann an ihre Grenzen stößt, vor allem die Bequemlichkeiten des Alltags in Deutschland vermisst (fließend Wasser zum Beispiel) blüht Ludger regelrecht auf und entwickelt gar frischen Unternehmergeist, der auch hervorragend in die örtlichen Gegebenheiten zu passen scheint.

Der Dokumentarfilm “adopted” basiert auf Widloks Kunstprojekt: Sie gründete eine fiktive Vermittlung und stellte Fotos der “Adoptionskandidaten” aus. Als einige Austellungsbesucher sich ernsthaft für die Ghanaischen Familien beworben hatten, schloss sie sich mit Regisseur Rouven Rech zusammen und begleitete mit ihm die Adoptierten in deren neuen Familien – bis zu drei Monate lang. Für den Zuschauer ist es letztlich eine nur vordergründig humorvoll erzählte, letztlich sehr nachdenklich machende Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Besserwisserei dafür mit ehrlichen Einblicken sowohl in den Alltag der Gastfamilien als auch in die Gemütsregungen und Lebenssituationen der Deutschen bzw. der bisherigen Wahlberlinerin.



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