Die dänische Komödie „Von Vätern und Müttern“ nimmt die Dynamik einer Elterngemeinschaft an einer elitär wirkenden Schule unter die Lupe und persifliert damit, was manch einer auch im realen Leben bereit ist, für das vermeintliche Wohl des eigenen Kindes zu erdulden.
Designerin Pernille (die Piv genannt werden möchte) und Arzt Ulrik, ein sichtlich nervöses Pärchen, sitzen vor dem Direktor einer Privatschule. Mit dabei die 12jährige Hannah, die offenkundig keinen Bock auf einen weiteren Schulwechsel hat. Aber es ist die Mutter, die hier entscheidet – sie sieht nur Vorteile, dass ihre Tochter die nunmehr vierte Einrichtung besuchen soll: schließlich würden Kinder an der Schule, an der sie gerade vorsprechen, speziell künstlerisch gefördert. Ulrik derweil versteht Hannahs Unmut nur zu gut, es hat aber in solchen Fragen auch nicht viel zu melden.
Ein paar Sequenzen später ist klar: das Bewerbungsgespräch war letztlich erfolgreich. Denn nun sitzt das Pärchen auch schon beim ersten Elterntreff, wird von vielen aber noch äußerst kritisch beäugt. Es gibt festgelegte, wenngleich teils unausgesprochene Machtstrukturen. Und über allem thront ein berüchtigter, selbstverliebter Direktor. Nicht nur er macht Pernille und Ulrik mit wenigen Gesten klar: sie sind in der Hierarchie noch ganz unten, müssen sich anpassen um ihren Stellenwert erhöhen, wenn sie hier dauerhaft dabei sein wollen respektive die Tochter in diesem “ehrenwerten Haus” eine Zukunft haben soll.
Die Dänin Paprika Steen (bürgerlicher Name Kristina Stehen, 1964, den Spitznamen habe sie von frühsten Kindheitstagen ihren roten Haaren zu verdanken) ist durch Rollen bei einigen “Dogma95”-Filmen (u.a. „Das Fest“, 1998, Thomas Vinterberg, und „Idioten“, 1998, Lars von Trier) zu einer bekannten Schauspielerin avanciert. 2004 stand sie dann zum ersten Mal als Regisseurin auch hinter der Kamera – für das mehrfach ausgezeichnete Drama „Lasset die Kinder“ über ein Elternpaar, welches ihr einziges Kind durch einen Autounfall verliert.
Für ihren inzwischen vierten Film „Von Vätern und Müttern“ holte sie wieder den Drehbuchautor Jakob Weis an Bord, der schon für ihre Komödie „Alle Jahre wieder“ (2018), in der das weihnachtliche Familienfest komplett auf den Kopf gestellt wird, das Skript schrieb. Diesmal werden unterschiedlichste Elterntypen vorgeführt, von denen der eine oder andere zumindest Zuschauern, die selbst wenigstens ein Kind haben, wahrscheinlich bekannt vorkommen dürften oder sogar wie ein leicht verzerrter Spiegel ihrer selbst erscheinen könnten. Etwa die scheinbar unanfechtbare “Backkönigin”; die Woke, die vordergründig penibel auf richtige Ernährung und Inklusion achtet; die Inquisitorin, die gerne die Neuen einschüchtert; der etwas Dickliche, der hinter seinem Rücken von tatsächlich nahezu jedem belächelt, wenn nicht gar derbe verspottet wird; der scheinbar coole Angeber … und diejenige, der offenbar schon seit Jahren immer die unliebsamste Arbeit im Feriencamp – für deutsche Gepflogenheiten sehr ungewöhnlich anmutend: die Kinder sind hier nicht allein mit den Lehrkräften, auch die Eltern nehmen teil – zugeteilt werden… Wohltuend, dass die Klischees nicht allzu deftig auf- und ausgetragen werden. Spannend, dass weniger die Kinder im Mittelpunkt stehen, sondern die Beziehungen der Erwachsenen untereinander. Nicht alle sind Helikoptereltern, seltsam auf ihre jeweilige Art aber allemal.
In der kurzweiligen, dramaturgisch schlau aufgebauten Komödie, welche zugleich ein Beziehungsdrama ist, bröckeln die Fassaden der Erwachsenen – in dem Darstellerensemble mit Jacob Lohmann als Ulrik, Katrine Greis-Rosenthal als Piv sowie in weiteren Rollen u.a. Amanda Collin, Nikolaj Lie Kaas und Lars Brygmann fällt qualitativ niemand ab – nur langsam, bekommen dann aber kräftigste Risse: ungeahnte Probleme im jeweiligen Privat- und oder Berufsleben, oder tiefsitzende Konflikte mit anderen Eltern(teilen) werden plausibel herausgearbeitet. In jedem Fall liefert „Von Vätern und Müttern“ nachhallende Gedanken zu der nicht nur in schulischen (hier eben diktatorisch angehauchten) Systemen innewohnenden Frage, wieweit man sich verbiegt, um dazuzugehören bzw. ein Ziel zu erreichen, obwohl sich im Grunde in einem alles sträubt. Archetypische Gespräche unter Männern, Mobbing und subtile Ausgrenzung, auch gegenüber dem am wenigsten stromlinienförmigsten Schüler und ein versuchter Seitensprung unter Cannabis-Einfluss sind bei dieser nach und nach immer explosiver wirkenden Milieustudie unterm Brennglas, bei der auch mal “Mama Loo” der Les Humphries Singers ertönt, inklusive.
