Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Löchriges Computerhirn

Ein analoger Computer in mehreren Teilen auf dem Tisch ausgebreitet: Lochkarten, Aufgaben, Prüfkarten, logisches Denken und ein versteckter dreistelliger Code, der gefunden werden soll, bilden die Hauptbestandteile eines ganz besonderen Brettspiels. „Turing Machine – Der Lochkartencomputer“, das spätestens ab 14 Jahren von Solo bis zu vier Personen gespielt werden kann und schier unendliche Kombinationsmöglichkeiten in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden bietet, stammt aus dem Huch! Verlag.

Analoger Computer mit Lochkarten – gesucht werden in diesem kniffeligen Logikspiel Zahlencodes

Tauchen wir zunächst kurz in die Entstehung der Lochcomputer-Technik: Sie gilt als Vorläufer des modernen Computers, und erfunden wurde sie vom US-Amerikaner Herman Hollerith (1860-1929), der entsprechend auch als Vater der elektronischen Datenverarbeitung und Grundsteinleger von IBM gilt. Mittels seiner Anleitung wurden Löcher in eine Karte gestanzt, deren Positionen eine Information darstellten. Diese wurde dann mit einem Lesegerät rekonstruiert, das die Lochkarten nach bestimmten Kriterien sortierte und zählte. 1890 kam Holleriths System bereits für die so genannte Volkszählung in den USA zum Einsatz. Vor und während des zweiten Weltkrieges haben die Nazis Holleriths Technik weiterentwickelt, bekannt als Rotor-Chiffriermaschine Enigma und Lorenz-Verschlüsselungstechnik. Hier nun tritt der Brite Alan Turing (1912-1954) auf die Bühne, denn es gelang ihm besagte Enigma-Codes zu knacken. Er war Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker. Das von ihm entwickelte Berechenbarkeitsmodell der Turingmaschine bildet eines der Fundamente der Theoretischen Informatik. Der kongeniale Mann wurde in England wegen seiner Homosexualität kriminalisiert und „behandelt“, was letztlich wohl zu seinem Suizid führte. Erst 2013 wurde er posthum “begnadigt”.

Nun zum Spiel, das seinen Namen trägt: „Turing Machine“ von den Autoren Fabien Gridel und Yoann Levet. Die Idee klingt simpel: in jeder einzelnen Spielerunde gilt es einen dreistelligen Zahlencode zu errätseln – mit Hilfe des in diesem Fall aus Pappen und Karten bestehenden „Computers“. Dieser benötigt auf dem Spieltisch gar nicht viel Platz, besteht aus dem zentralen Tableau, um das herum je nach Schwierigkeitsgrad bis zu fünf streng vorgegebene Prüfkarten mit diversen Fragen angeordnet werden. Aus knapp 100 Ereigniskarten werden (sortiert nach Schwierigkeitsgrad und/oder Glück) ebenso viele Aufgaben ausgelegt. Damit man bei mehreren Spielern, die gleichzeitig ihre Tests durchführen, beim Zurücklegen nach einem jeden Prüfdurchlauf nichts durcheinanderbringt, ist die offene Seite abwaschbar gekennzeichnet. Die bedeckte Seite ist voll von Kreuzen und Häkchen, mit der man ohne Turing-Schablone wohl nur wie der vielzitierte Ochs vor dem berge stünde.

Daher gibt es eben die ebenfalls durchlöcherten Zahlenkarten – in je drei verschiedenen Farben gibt es 1er, 2er, 3er, 4er und 5er. Und auch “nur” aus diesen Ziffern kann der gesuchte Code bestehen: es ist also jeweils alles zwischen 111 und 555 denkbar, wenn ein 3-stelliger Code gesucht wird. Egal welche Kombi man für einen Testdurchlauf wählt, richtig zusammengelegt bilden die Kartensets genau eine freie Stelle unter der dann die zu Rate gezogene Prüfkarte ein winziges Loch nutzt um zu “antworten”: entweder mit einenm roten Kreuz – negativ – oder einem grünen Häkchen – positiv. Damit man sich nicht alle daraus ableitbaren Überlegungen merken muss – denn für das Code-Knacken sind in der Regel mehrere Runden vonnöten – gibt es Notizblätter. Diese werden zweckdienlicherweise heimlich geführt.

Es macht außerdem Sinn, sich vor der allerersten Begegnung alle 48 Prüfkarten mit ihren jeweiligen Aufgabenstellungen einmal in Ruhe zu betrachten um die stets recht kurzen, aber immer auch mittels Grafik zusätzlich erläuterten Prüf-Routinen zu begreifen um dann wenn es darauf ankommt blitzschnell die logischen Ausschlüsse, Wahrscheinlichkeiten oder gar Treffer zu erkennen. Denn je nach verwendeter Prüfcombo hilft einem die jeweilige Prüfkarte an der Stelle des freigelegten Symbols zu erkennen, dass beispielsweise die gesuchte blaue Zahl größer, gleich oder kleiner ist als Drei. An anderer Stelle prangt etwa die Prüfung, ob es in der gesuchten Kombinaten mehr gerade oder mehr ungerade Zahlen gibt oder ob die Summe von zwei bestimmten Farben eine bestimmte Zahl oder ein gerades/ungerades Ergebnis ergeben. Das grüne Häkchen zeigt nicht, dass die konkret geprüfte Zahl hundertprozentig stimmt, es gibt aber stets eine eindeutige Richtung vor. Erst mehrere Prüfergebnisse schlau kombiniert lassen letztlich die richtigen Schlüsse zu. Nach jeder Runde zeigen die Spieler mittels Handzeichen an, ob sie glauben den Code schon geknackt zu haben oder ob sie in eine nächste Raterunde gehen müssten. Die gefundenen Codes schließlich werden mithilfe der Spielanleitung überprüft.

Besitzt man die Fähigkeit, die gewonnenen Antworten logisch zu analysieren und entsprechend zu einem validen Ergebnis zusammenbringen, ist mit etwas Übung auch bei hohen Schwierigkeitsgraden der jeweilige Code in gut 20 Minuten gefunden – oft ist eine Runde auch schon nach wenigen Minuten durch. Jeder Spieler arbeitet für sich, sollte aber versuchen, schneller als die Mitspieler zu sein, denn neben der richtigen Antwort, die mehrere entschlüsseln können, spielt für die Sieger-Ermittlung gegebenenfalls die Zahl der benötigten Prüfdurchgänge eine Rolle.

Menschen die Gedächtnisspiele und andere Kniffeleien können dieses auf pure Logik fußendes Spiel nur lieben. Dieses Deduktionsspiel ist nicht nur kurzweilig, sondern im besten Wortsinne immer wieder aufs Neue herausfordernd: denn wenn die relativ überschaubare Zahl an Spielmodi aus der Anleitung durchgezockt ist, stehen im Netz mehr als sieben Millionen weitere Aufgaben parat. Auch haptisch und optisch macht die „Turing Machine“ etwas her. So passt bereits die Kartonverpackung mit ihren diversen Löchern hervorragend zur Spielidee. Ein großes Lob an dieser Stelle an die Designer, aber vor allem an diejenigen, die das  süchtig machende Spiel, welches ein sehr raffiniertes Gameplay bietet, “programmiert” haben. Und an “Huch!” für den Mut, ein Computerspiel gänzlich ohne Strom und Elektronik auf den Markt zu bringen.



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