Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Slumdogs ohne jeden Hauch von Hollywood

“Capernaum – Stadt der Hoffnung” – ein Sozialdrama über Menschen in Armut und Illegalität, das beim Filmfest Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, unlängst mit einem Golden Globe geehrt und nun sogar im Rennen um einen Oscar dabei ist. Wer da spontan an einen nur an der Oberfläche kratzenden und letztlich zu versöhnlichen Streifen a la “Slumdog Millionär” denkt, liegt falsch: Was Nadine Labaki (“Caramel”) hier mit Hilfe zahlreicher Laiendarsteller aus dem Libanon erzählt, ist eine der bewegendsten Kinogeschichten der letzten Jahre überhaupt!

Zu Beginn findet sich der Zuschauer in einem Gerichtssaal wieder. Der mutmaßlich zwölfjährige Zain (Zain Al Refeea) – eine offizielle Geburtsurkunde hat der Junge nicht, daher wird er behördlicherseits geschätzt – wurde offenbar vor nicht allzulanger Zeit wegen einem gewalttätigen Übergriff zu fünf Jahren Haft verurteilt, verklagt aber nunmehr seine eigenen Eltern, weil sie ihn – wohl wissend, dass sie weder für ihn noch für seine vielen Geschwister nachhaltig sorgen können – überhaupt in diese Welt gesetzt haben. Dieser dramaturgische Kniff bietet Regisseurin Labaki, die Menschen aus den Slums die Chance geben wollte, dass “sie ihr Leid und das Unrecht hinausschreien dürfen und Gehör finden”, das Tableau, Zains Geschichte durch die Fragen des Richters in ergreifenden filmischen Rückblenden zu erzählen. So authentisch die folgenden rund zwei Stunden auch sind, das Ganze hat nur auf dem allerersten Blick etwas von einem Dokumentarfilm, ist vielmehr ein rundum kinotaugliches Werk mit extrem authentisch agierenden Darstellern, die eben selber allesamt mehr oder minder von der Straße kommen, soziale Ungerechtigkeiten, das Chaos der Slums, Armut und Ausbeutung, Geschichten von Migration und Menschenhandel schon vor dem Dreh oftmals aus eigenen Erlebnissen kannten.

Allen voran der (im wahren Leben bereits 14-jährige) Darsteller des Zain, der im echten Leben den selben Vornamen hat und mit seiner Familie aus Syrien geflohen war, überzeugt jede einzelne Einstellung vollends. Mehr als ein Dach über dem Kopf kann der Film-Zain von seinen Film-Eltern nicht erwarten. Die Behausung in der er, seine Eltern und seine diversen Geschwister im ersten Flashback noch zusammen leben, gehört einem Obsthändler, bei dem der Junge, der viel lieber endlich mal in eine Schule gehen möchte, ziemlich hart malocht. Aber nicht nur weil der ihn ausbeutet verachtet Zain jenen Assaad: Der nicht erst seit gestern volljährige Brötchengeber hat auch noch ein Auge auf Zains Schwester, die elfjährige Sahar, geworfen. Das will und kann der Heranwachsende nicht akzeptieren. Doch alles Einreden auf die Eltern, selbst das – wunderbar tragikomisch in Szene gesetzte – Verschleiern von Sahars erster Periode, ändert nicht die in diesem Punkt vorhersehbaren Abläufe. Irgendwann ist die Familie um drei Hühner reicher und erst ein, dann zwei Kind(er) ärmer. Nachdem die Elfjährige verscherbelt ist, gibt es für ihren Bruder nämlich endgültig kein Halten mehr: Zain türmt von zuhause und landet schließlich als potentieller Gelegenheitsarbeiter bei einem Rummelplatz. Doch auch hier sind die Jobs rar und der Junge hat Glück im Unglück, dass er auf die sympathische, aber selbst ziemlich gebeutelte äthiopische Immigrantin Rahil (Yordanos Shifera) trifft und fortan gegen Kost und Logis auf deren Baby Yonas aufpassen darf…

Was dann noch so alles passiert – zuhause im Elternhaus, bei Zains neuen Wahlfamilie – bleibt heftig und stimmig zugleich. Entsprechend darf “Capernaum – Stadt der Hoffnung” bereits zu diesem frühen Zeitpunkt des Jahres als einer der wichtigsten Filme 2019 gelten, weil Macherin Labaki der Spagat gelingt ihre Zuschauer mit dem harten, alltäglichen Überlebenskampf, der an vielen Ecken und Enden der Welt nicht erst seit gestern tobt zu konfrontieren – Bilder, die jeden Menschen mit einem Mindestmaß an Empathie unweigerlich die eine oder andere Träne verdrücken lassen – und es trotzdem niemanden zu leicht zu machen. Den schlichten Gedanken des Jungen, dass Eltern, die ein Kind nach dem anderen in diese “Welt” bringen, per se vollkommen verantwortungslos sind, macht sich der Film, der auch dank grandioser Kameraarbeit (Christopher Aoun) über viele Sozialdramen der vergangenen Jahre herausragt, nicht zu eigen. Dieser verurteilt nicht, er zeigt ohne jedweden Pathos wie auch Zains Mutter und Vater in einem Land wie dem Libanon Opfer wurden und sind.



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