Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Kurzkritik zu Sandra Wollners “Everytime”

Sandra Wollners “Everytime” – das ist kein Spoiler – behandelt in seinen ersten Filmminuten den tragischen Tod einer jungen Frau. Im weiteren Verlauf begleiten die Zuschauer deren jüngere Schwester, ihre Mutter und einen Freund von jener verunfallten Jessie, wie diese jeweils mit dem Verlust und teilweise mit eigenen Schuldgefühlen umgehen. Nicht nur Birgit Minichmayr brilliert in diesem auch “fotografisch” auf ganzer Linie gelungenen (fiktionalen, aber in jeder Phase authentisch schimmernden) Streifen. 

Berlin und seine Dächer. Ein gern genutztes Motiv. Auch in Musikvideos. Und erst recht auf der großen Leinwand. Hier stirbt eine junge Frau. Im Beisein ihres Freundes. Beide haben Drogen eingeschmissen, wirken ein bisschen benebelt. Den falschen verhängnisvollen Schritt zeigt die Kamera nicht. Er lag mit ihr chillig am Boden des Dachs, sie tapste schließlich ein bisschen umher. Garantiert nicht in suizidaler Absicht. Die Szenen davor: verführerisch schön. Der Zuschauer hat bis dato auch ein paar kurze Einblicke in die Wohn- und Lebenssituation der alleinerziehenden Mutter Ella (Birgit Minichmayr) gewinnen können. wo Jessie (Carla Hüttermann) mit der jüngeren, naseweisen Melli (Lotte Shirin Keiling) lebte. Man gewinnt auch ein gutes Gespür wie die Geschwister interagierten.

Ein paar Filmminuten später ist in Sandra Wollners “Everytime” ein Jahr vergangen. Unfassbar sensitiv erzählt der Streifen von all den Widersprüchlichkeiten, die entstehen, wenn man trauert und weiter funktionieren “muss”. Ella hat sowieso keine Wahl, denn sie muss ja nicht zuletzt für Melli sorgen. Jessies Freund hat anscheinend eine neue Liebe gefunden. Aber die respektvolle Erinnerung an die Tote lebt er aufrichtig. Und so verwundert es nicht, dass er mit seiner einstigen “quasi Schwiegermutter” und der kleinen Schwester ein vertrautes, tatsächlich recht familiäres Verhältnis pflegt. Was soweit geht, dass er mit Beiden sogar einen recht spontanen Urlaub antritt.

Die österreichische Mimin Minichmayr hat sowohl im Film als auch auf Bühnen regelmäßig vollends überzeugt und begeistert. Wie sie hier in “Everytime” mit minimalistisch wirkenden Gesten und Bewegungen die Zerrissenheit nachfühlen lässt: schlichtweg brillant. Egal ob sie das Wasser für die Grabblumen wechselt oder am Tisch mit ihrem Ex und anderen Familienmitgliedern Angriffe auf Lux (Tristán López), den besagten Freund der Verunglückten, kontert.

Vor allem aber ist “Everytime” wie schon ihr vorheriger “The Trouble with Being Born” ein großer Coup der 1983 geborenen Regisseurin Sandra Wollner. Spätestens als im neuesten Werk der Handlungsort von Berlin nach Teneriffa verschwinden auch hier die Grenzen von digitaler und analoger Welt – so dass unter anderem irgendwann die Sonne quadratisch am Himmel steht und eines Abends Mal nicht mehr unterzugehen wagt. Perfekte Bilder – Kameramann Gregory Oke, manchen ist seine originäre Arbeitsweise vielleicht noch aus Charlotte Wells “Aftersun” (2022) in guter Erinnerung, übertrifft sich für dieses mysteriöse Familiendrama tatsächlich selbst.

„Everytime“, ab 6. August im Kino, gewann bei den Filmfestspielen von Cannes in der Sektion „Un certain regard“ den Hauptpreis. Und für kulturkueche.de ist es bisher der beste deutschsprachige Film des zweiten Halbjahres 2026. 



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