Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Homer Simpson in Paris

In “Mit Liebe und Entschlossenheit” (Kinostart in D am 13.07.2023) kehrt für ein von Juliette Binoche und Vincent Lindon verkörpertes Paar schlagartig “die Vergangenheit zurück” und stellt ihr scheinbar liebevolles Leben auf den Kopf. 

Die Grundgeschichte ist eigentlich mit wenigen Worten erzählt: Gleich zu Beginn des  nahezu zwei Stunden beanspruchenden französischen Films ist ein Paar, bei dem beide die 50 deutlich hinter sich gelassen haben, im Urlaub zu sehen. Die Liebe von Sara und Jean scheint grenzenlos. Zurück in Paris taucht François, ein alter Weggefährte, den beide offenbar seit Jahren nicht mehr gesehen oder auch nur gehört haben, wieder in ihren Leben auf. Dereinst war er Saras Liebhaber und mit Jean befreundet. Heute will er mit Hilfe von ihm, einem ehemaligen Rugbyprofi, eine Spieleragentur starten – Jean, der wie der Zuschauer kurz zuvor pseudo-beiläufig vermittelt bekommen hat, notorisch knapp bei Kasse ist, gibt sich sehr offen für diesen unternehmerischen Plan. Sara hingegen spürt sogleich die Gefahr – als sie François  zufällig auf der Straße sieht, kommt sofort die alte Leidenschaft mit großer Wucht zurück.

Das Thema “ménage à trois” ist gefühlt schon tausendmal erzählt und gedreht worden. Und je nachdem wer es anfasst und wer die Figuren verkörpert, kann es ein Gewinn oder ein Flop sein. Sieht man nun auf dem Filmplakat von “Mit Liebe und Entschlossenheit” mit Juliette Binoche und Vincent Lindon so erfahrene Arthouse-Gesichter, kann man eigentlich nur von einem wunderbaren Filmabend ausgehen. Doch leider enttäuscht die Produktion auf ganzer Ebene. Die mehrfach preisgekrönte Regisseurin Claire Denis hat wie schon zuvor bei “Meine schöne innere Sonne” das Drehbuch zusammen mit Christine Angot entwickelt und dabei gleich derer Romanvorlage adaptiert.

Fast alle Dialoge im Film hören sich an, als wären sie einem pseudointellektuellen Groschenroman entsprungen. In keinem Milieu, in dem sich die Figuren von Binoche (Radiomoderatorin) und Lindon (Rugbyspieler) bewegen, würde man streckenweise so gestelzt miteinander sprechen wie es die Beiden auf der Leinwand tun. Dass die Regisseurin auf die Erhellung der Hintergründe beziehungsweise Vorgeschichten ihrer handelnden Personen weitestgehend verzichtet, viel mit Andeutungen und Halbsätzen arbeitet, ist an sich in Ordnung. Der Zuschauer kann sich etwas zusammenreimen, wie einer, der bei einer fremden Familie landet und eine Momentaufnahme seiner Gastgeber sieht. Allerdings hätte Denis mehr Vertrauen in ihren Plot haben sollen und Binoche somit etwa nicht sogar innerste Gedanken ihrer Figur vor dem Spiegel, wie in Homer-Simpson-Szenen, wenn der aus Versehen Dinge laut ausspricht, statt sie nur zu denken, rezitieren lassen.

Aber auch das was die Binoche-Figur insbesondere an Jean richtet – an Beteuerungen etwa, dass sie zwar seinerzeit wirklich viel für François (Grégoire Colin) empfunden hat, solche Gefühle auch nie ganz verschwinden können, er sich aber sicher fühlen könne – wirkt größtenteils nur dahingesagt. Leider nicht etwa dergestalt, dass Sara hier gezielt ein doppeltes Spiel spielt oder zumindest daran glauben möchte, sondern so, als ob die selten zuvor so blass agierende Oscar-Preisträgerin, das erste Mal das Drehbuch runterspult nur um sicherzustellen, dass sie durch keines der Worte einen Zungenbrecher bekommt und die Suche nach passender Mimik und Körpersprache erst einmal vertagen möchte. Vincent Lindon nimmt man seine Figur zwar halbwegs ab, seine Reaktionen auf die teilweise lachhaften Lügen seiner Partnerin, sein eigenes Hoffen und Bangen und zwiegespalten sein, Wut, Angst und Enttäuschung erscheinen einzeln für sich lebensnah vorgetragen, aber eben auch immer einen Funken zu sehr nach dem Prinzip Dienst nach Vorschrift abgespult.

Kurzum, das Ganze ist ein mehr als ärgerlicher Streifen – und somit kann man nur Applaus geben, dass anders als “Kollegen” des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland (deren Arbeitgeber ja viel Schrott mit produzieren und deshalb wenig Verrisse veröffentlichen) in österreichischen Kritiken zu “Mit Liebe und Entschlossenheit” mitunter von einem “Fernsehschmalzdrama”, das “zwar topbesetzt, aber altbacken bis zur Lächerlichkeit inszeniert” sei, die Rede ist.



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