Es geht ums Überleben

Marija, das Spielfilmdebüt des Schweizer Michael Koch, spielt in Dortmund und handelt von einer Ukrainerin, die von einem eigenen Unternehmen träumt, stattdessen für vier Euro die Stunde einen Scheißjob machen muss und in einem Drecksloch lebt. In dem Sozialdrama hat auch der eimal mehr herausragend agierende Georg Friedrich eine zentrale Rolle.

In einem Interview über das (Spiel)filmschaffen in seiner Schweizer Heimat äußerte Regisseur Michael Koch unlängst, dass ihm die “wohltemperierten Pseudo-Arthouse-Filme…auf den Senkel” gehen: “Kritisch sollen sie sein, aber nicht wehtun. Ein bisschen lustig, aber zugleich wichtige gesellschaftliche Themen aufgreifen. Wellness gehört in die Sauna, finde ich, nicht ins Kino.” Worte, die für seine eigene Arbeit die Latte entsprechend hoch legen – und tatsächlich ist “Marija” weitaus konsequenter als vieles, was die vergangenen Jahre im deutschsprachigen Raum an fiktionalen Filmen über “den untersten Rand” der Gesellschaft fabriziert wurde. Handlungsort hier ist die Dortmunder Nordstadt, ein ehemaliges Arbeiterviertel im Ruhrgebiet, in dem heute Menschen aus über 130 Nationen leben. “Ein Mikrokosmos, der viel über unsere Gegenwart aussagt und zugleich eine deutsche Lebensrealität abbildet, die viel zu selten differenziert betrachtet wird” schien Koch der geeignete Ort zu sein, “um der Frage nachgehen zu können, wie sich der tägliche Überlebenskampf eines Migranten auf das eigene, soziale Umfeld auswirkt.”

Abgehandelt wird diese Frage primär an Marija, die aus der Ukraine kommt, in einem Hotel als Reinigungskraft arbeitet und offenbar schon seitdem sie in Deutschland ist von einem eigenen Friseursalon träumt. Über ihre Vergangenheit erfährt der Zuschauer erst im letzten Dritel des Films einige ganz wenige Andeutungen – als sie sich mal wieder mit der vermeintlich einzigen Freundin die sie hier hat, einer durch Olga Dinnikova verkörperten Landsfrau, austauscht und sich beide Frauen erinnern, sich einmal geschworen haben unter keinen Umständen wieder in die Trostlosigkeit ihrer Heimat zurückkehren zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt hat Marija wegen kleinerer Diebstähle – mit ihnen wollte sie sich ihren kargen 4-Euro-Stundenlohn im Hotel aufbessern/für ihren Tram sparen – bereits ihren Job verloren; Cem (Sahin Eryilmaz), ihrem Vermieter eines unsagbar trostlosen Zimmerchens einen geblasen, weil sie joblos der überteuerten Miete nicht mehr nachkommen konnte; dem gleichen Typen gegen Provisionszahlungen beim Abzocken neu angekommener Migranten geholfen und ist eine nicht zuvörderst berechnende Liaison mit seinem weitaus sympathischeren, aber auch nicht unbedingt gesetzestreuen Kumpel Georg (Georg Friedrich) eingegangen…

Da Margarita Breitkreiz, die in diesem Film der auch sehr viel über das Thema Selbstachtung und ein neoliberales Deutschland erzählt die Hauptrolle spielt, allerfeinste Nuancen beherrscht, mal Mitgefühl zeigt, aber auch mitunter skrupellos erscheint, latent Misstrauen und damit stete Wachsamkeit gegen alles und jeden ausstahlt, verströmt “Marija” in jeder Sequenz eindringliche Authentizität. Und auch wenn es neben vorgenannten Inhalten unter anderem auch noch um Schwarzgeldgeschäfte mit Russen geht, ist der Streifen glücklicherweise auch keine Sekunde dahingehend misszuinterpretieren, dass er die krude These nähren will, “Ausländer” seien in Deutschlands Kriminalstatistik ein signifikantes Problem. Vielmehr wird Filmminute um Filmminute klar, dass es für Menschen in sozial abgehängten Vierteln wie der Dortmunder Nordstadt eben nurmehr um’s blanke Überleben geht. Fressen oder gefressen werden – die Gesetze des Kapitalismus werden in beiläufig erscheinenden Szenen, die beispielsweise das traurige Leben von Tagelöhnern wiederspiegeln, gekonnt vorgeführt. Solidarität bleibt dabei oft zwangsläufig auf der Strecke.

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