“Moscas – Fliegen und andere Gäste” ist ein durchgehend in schwarz-weiß gehaltener, vergleichsweise unaufdringlich erzählter und gleichwohl extrem berührender Film über Armut, Trauer, Einsamkeit und Krankheit. Handlungsort ist Mexiko-Stadt. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen ein Vater mit seinem jungen Sohn auf der einen Seite und eine Frau, die mehr aus der Not heraus zu ihrer Vermieterin wird und über weite Strecken zumindest stark verbittert, wenn nicht generell schroff wirkt.
Es wird nicht gesprochen in den ersten Filmminuten. Wenn man davon absieht, dass sich die weibliche Protagonistin von Regisseur und Drehbuchautor Fernando Eimbcke durch diverse TV-Kanäle zappt und dabei unter anderem kurz bei einem Beitrag über die inzwischen auch in Deutschland als Schläger- oder gar Mördertruppe bekannte amerikanische Einwanderungsbullerei ICE landet. Durch das Fernsehgerät gibt es zumindest Stimmen aus dem Off. Zuvor hat die Frau auf diversen Wegen gegen Fliegen in ihrer Wohnung gekämpft und Sudoku am altbackenen Computerbildschirm gespielt. Ein paar Sequenzen später hält sie einen medizinischen Kostenvoranschlag in der Hand und ist fortan zu etwas bereit, was sie Nachbarn bisher übel nahm: Angehörigen von Krankenhaus-Patienten einen Raum zur Untermiete anzubieten.
Und so wohnt nun einige weitere Einstellungen später ein gewisser Tulio (Hugo Ramírez) bei der 55-jährigen Witwe Olga (Teresita Sánchez). Die Küche ist für ihn tabu wird er vor der Schlüsselübergabe belehrt, im spartanischen Raum den er mietet sei auch der Schrank nicht zu öffnen. Und im Bad möge er auch nicht übermäßig Zeit verbringen! Olga ahnt zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass der Mann wenn sie schläft seinen kleinen Sohn in die Wohnung schmuggelt. Überhaupt nur für seinen Cristian versucht Tulio diese Extraausgabe zu stemmen. Die Beiden sind hierher gekommen, weil die Frau bzw. Mutter im benachbarten Krankenhaus gerade eine Chemotherapie durchläuft. Der Junge (Bastián Escobar) darf sie nicht besuchen. Auch wenn er es hartnäckig versucht und dabei einem Mann vom Reinigungspersonal und zwei Frauen an der Pforte, die die Besucherausweise ausstellen, auf charmante aber auch gewitzte Weise so Einiges abverlangt. Den weiteren Handlungsverlauf auch nur anzureißen würde zu viel spoilern. Daher sei nur erwähnt, dass auch ein Arcade-Automat mit „Cosmic Defenders Pro“ auf der Platine, eine relativ große Rolle in dieser zwischen Humor und Traurigkeit eine solide Balance haltenden Geschichte spielt, der nicht nur dem Knirps eine willkommene Ablenkung aus dem sorgenbehafteten Alltag bietet.
Kameraarbeit, Schnitt, die kleinen leisen, mitunter im unschuldigsten Wortsinn zärtlichen Gesten der drei Hauptfiguren – all das und noch so Einiges mehr greift hier perfekt “Hand in Hand”. Gleichzeitig bietet “Moscas – Fliegen und andere Gäste” nebenbei Einblicke in die Abgründe des mexikanischen Gesundheitssystems in denen Medikamente nicht verabreicht werden können, weil sie für viele Normalsterbliche schlicht nicht erschwinglich sind und es eben offenbar kein soziales System gibt, was hier aufzufangen vermag. Für uns glasklar der FILM DES MONATS!
