Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Kurzkritik zu “Eine Krankheit wie ein Gedicht”

Einige anhand von alten Fotos und comicartigen Zeichnungen erzählte Rückblende, eine aber zuvörderst mittels Gesprächssituationen der Gegenwart umrissene Familiengeschichte ist für den Kinobesucher noch keine 1/4 Stunde aufgeblättert, da hat Vater Detlef in “Eine Krankheit wie ein Gedicht” eine Neuigkeit zu verkünden: Vielleicht schon in rund 8 Wochen könnte er wieder draußen sein. Draußen aus der forensischen Psychiatrie.

“Ich will dann aber nicht dein ein und alles sein,” entgegnet seine reale Tochter ziemlich authentisch erscheinend. Bei ihr handelt es sich um Jelena Ilić, die Regisseurin und eben neben ihrem Vater im Grunde einzige Hauptfigur dieser erstaunlich differenziert dargebotenen dokumentarischen Leinwandarbeit. Insofern schwingt beim Betrachter dieses gerade durch den Mix realer Interviewsituationen und Fotos aus dem Privatarchiv sowie nachträglich animierten Zeichnungen der Beiden erstaunlich kurzweiligen Werkes aber immer eine kleine Restskepsis mit, wie sehr sich die junge Filmemacherin bewusst selbst inszeniert. Bei vielen Telefonaten und Begegnungen in der Klinik oder im Verlauf einem “betreuten Wohnen” sowie bei einigen Spaziergängen, etwa auch an Jelenas Geburtstag ist offensichtlich, dass ihr der Aspekt, dass nahezu ununterbrochen die Kamera mitläuft, extrem wichtig ist. Was insofern in Ordnung ist, da der Zuschauer auch das klare Gefühl vermittelt bekommt, dass ihr in ihrer Kindheit durch die diversen psychischen Probleme ihres Vaters und dessen offenbar vielfältigen “Substanzen”-Gebrauch nicht allzu leicht fällt, unvoreingenommen daran zu glauben, dass er seine (entweder auf das eine oder andere Thema oder – wahrscheinlicher – auf einen Mix aus Beidem zurückzuführenden) Gewaltausbrüche, die ihn einerseits dorthin brachten wo er jetzt ist – in einer forensischen Psychiatrie – und andererseits auch die Beziehung zu seiner Ex-Frau und eben der Mutter von Jelena kosteten, dauerhaft unter Kontrolle halten kann. Der Kontakt in den letzten Jahren war vor den Filmarbeiten wohl eher spärlich – aber Vater und Tochter kommunizierten zumindest über ein hin- und hergeschicktes “travelling sketchbook”. Die nachträglich für “Eine Krankheit wie ein Gedicht” animierten Zeichnungen sind durchgehend tiefgründig und für die Familiengeschichte sowie die gegenseitigen Sorgen und Hoffnungen sehr erhellend.

In den Gegenwartsaufnahmen der Doku – bei der Gefühle wie Wut, Enttäuschung, Reue, Scham und Schuld angesprochen werden – wirkt Detlef wie jemand, der keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte. Ein paar alte Polaroids und Interviewfetzen mit der Mutter der Filmemacherin zeichnen zu früheren Tagen mitunter ein ganz anderes Bild. Vermeintlich in psychotischen Schüben und oder unter Kokaineinfluss hat der Protagonist der Geschichte offenbar nicht nur einmal versucht die Tür einzutreten. Eine Geschichte die die körperliche Unversehrtheit Dritter betraf und Detlef wohl die lange Abgeschiedenheit zur normalen Außenwelt einbrachte, wird für den Zuschauer nur kurz angerissen. Auch über den Alltag in einer forensischen Einrichtung erfährt der Zuschauer sehr wenig. Ilić konzentriert sich wirklich sehr streng auf die neu entstehenden Bande zu ihrem Vater, betont dabei aber nicht nur einmal, dass es ihr im Grunde lieber wäre wenn dieser weggesperrt bliebe. Denn das würde ihr ein größeres Gefühl von Sicherheit geben. Insofern ist klar, dass dieses Band bei aller mitunter sehr innigen Vertrautheit der Begegnungen ein sehr fragiles ist.

 



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