“Kirschblüten – Hanami”, “Glück”, “Freibad” und natürlich “Männer”, ihr erster großer Erfolg, der nun schon über 40 Jahre zurück liegt: Die Filme von Doris Dörrie haben nicht selten kurze einprägsame Titel, vor allem aber meistens ein klares Thema und vor allem stets eine eindeutige Handschrift: In “Frau Winkler verlässt das Haus” dreht sich alles um eine angespannte Mutter-Tochter-Konstellation und das Thema KI, was auch im realen Leben immer stärker im Pflegebereich Einzug hält, auch wenn die Produktion formal im Jahr 2030 angesiedelt ist.
Die Tochter (Laura Tonke) von der titelgebenden Frau Winkler ist alleinerziehend und – wie sie selbst – dem Theater zugeneigt. Weil in generell wirtschaftlich schweren Zeiten gerade endlich wieder ein Engagement ansteht, kann diese sich nicht auch noch um die Pflege der Mutter kümmern. Dabei ist die alte Dame (Angela Winkler) gerade von der Leiter gestürzt. Und irgendwie ist allen klar, dass es nunmehr nur noch bergab gehen wird. Nach einigen Umwegen landet bei der betont eigenwilligen Frau ein Pflege-Roboter, der auf den Namen “Pawlowitsch” getauft wird. Anton Tschechow, der dies als Mittelnamen trug, ist neben den “blauen Augen” von Ideal auch das generationenübergreifende künstlerische Element des neuesten Doris Dörrie Films, der keinen Film-im-Film, aber als zweiten Erzählstrang ein Theaterstück-im-Film präsentiert.
“Frau Winkler verlässt das Haus” ist definitiv nicht Dörries stärkster Film. Zu vieles ist zu glatt gebügelt. Wenn nicht im ersten, so spätestens im dritten Schritt. Dass die Regisseurin nicht sensibel genug mit dem Sujet Sterbehilfe umgehen würde, kann man ihr indes nicht vorwerfen. Erfreulicherweise gibt sie keine maßgeschneiderten Antworten über das Credo der weitgehenden Selbstbestimmung alter und gebrechlicher Menschen hinaus. Auch nicht mal implizit auf die Frage warum die im realen Leben bereits über 80-jährige Angela Winkler in ihrer Rolle an der Seite von Robomann Josef Ellers einen NDW-Hit als Lieblingslied haben sollte. Der Pelzmantel den sie in den letzten Minuten der Produktion tragen wird, wirkt deutlich stimmiger.
Wie soll man leben, fragen sich die Figuren in Anton Tschechows Drama “Drei Schwestern”, das den erwähnten zweiten Erzählstrang bestimmt. Im Film selbst aber geht es vielmehr um die Frage: “Wie soll man sterben?” In einer Zeit, in der der Hauptfigur von der omnipräsenten Roboter-Technik bei einem außerhäusigen Cafe-Besuch selbst dann nach Check der ID-Karte ein einziges Glas Vodka verweigert wird, obgleich Frau Winkler insistiert, dass sich heute der Todestag ihres Mannes jährt. Computer sind eben gemeinhin unbestechliche Arschlöcher. Da ist sich die Protagonistin sicher. Es nervt sie schon hinreichend, dass der elektronische Ratgeber am eigenen Kühlschrank wiederholt darauf verweist, dass sich deutlich abgelaufene Lebensmittel im Inneren des zugehörigen Gerätes befinden. Und nun eben eine wandelnde KI an ihrer Seite, die mehrmals täglich mit einem kleinen Piecks die aktuellen Gesundheitsdaten erfassen und ansonsten zur Unterhaltung und Arbeitserleichterung dienen soll. Angela Winkler überzeugt auf ganzer Linie: egal ob ihre Figur gerade starke physische oder – noch unerträglicher – seelische Schmerzen bis hin zum unangenehmen Gefühl sprichwörtlich von Gott und der Welt verlassen zu sein verspürt. Oder ob sich ihre Rolle nochmal – in Erinnerungen an zwei zentrale Männer in ihrem Leben schwelgend – jung fühlen und herausputzen darf. Fast am Beeindruckendsten verläuft aber eine Begegnung mit einer Nachbarin, die ebenfalls alleine zu Hause lebt. Denn das im Titel eingebaute Ereignis, das Haus zu verlassen, ist keineswegs alltäglich für die Menschen, die neben der künstlich vermenschlichten Technik im Mittelpunkt dieser recht kurzweilig dargebotenen Geschichte stehen.
