Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Von einer tragischen Weltreise und einem schwelenden Familienkonflikt

Von den Neustarts der Woche schienen uns im Vorfeld zwei Filme besonders beachtenswert: die im Grunde unfertige, aber ohnedies kaleidoskopartig gedachte Reise-Doku “Untitled” von Michael Glawogger sowie das Ensemble-Drama “Sommerhäuser” von Regisseurin Sonja Kröner.

Michael Glawogger ist unserer Redaktion so recht das erste Mal mit seinem herausragenden Berlinale-Beitrag “Slumming” im Jahre 2006  aufgefallen (wer den Streifen mit dem wunderbaren Paulus Manker nicht kennt: unbedingt nachholen). Er hat auch danach Sehenswertes geleistet. Und sein nunmehr de facto letztes Projekt klang auch ohne die traurige Geschichte, die man nun unweigerlich dazu erzählen muss, wenn man “Untitled” erwähnt, mehr als viel versprechend: Glawogger brach im Dezember 2013 zusammen mit Attila Boa (Kamera) und Manuel Siebert (Ton) zu einem für die Dauer von rund einem Jahr geplanten “Doku-Experiment” auf. Ohne vorgefertigtes Konzept filmte er für diesen “Film ohne Namen” während einer Reise, die in Kroatien begann, weitere Stationen waren Bosnien-Herzegowina, Albanien, Italien, Marokko, die Westsahara, Mauretanien, Senegal, Mali, Guinea, Sierra Leone und zuletzt Liberia. Über seine Reise berichtete er in den “Glawogger-Tagebüchern”, die in der Tageszeitung “Der Standard” sowie einem Blog der “Süddeutschen Zeitung” veröffentlicht wurden.

Im April 2014 war Glawogger dann tot. Verstoeben in Liberia – an Malaria. Das dem Vernehmen nach 70 Stunden umfassende Filmmaterial, welches einen schier einzigartigen Blick auch für scheinbar kleine Dinge, die für betroffene Menschen den schmalen Grad zwischen Freud und Leid bedeuten können, offenbart, hat so letztlich die langjährige Filmeditorin des Österreichers, Monika Willi, die bereits während der Dreharbeiten mit ihm an dem Film gearbeitet hatte, gesichtet und gewichtet und daraus “Untitled” noch realisiert, wenngleich der Streifen nun natürlich ein unvollendeter ist, denn Glawoggers Reiseeindrücke sollten ja auch noch in anderen Ländern gesammelt werden.

Dieses unvollendet-sein merkt man der Doku selbst letztlich aber gar nicht an. All das was auf der Leinwand erzählt wird – Offkommentare, erst recht Übersetzungen von menschen aus “aller Herren Länder” waren nicht geplant. Letzteres wurde auch unter der Führung von Willi beibehalten, allerdings fließen nun doch eben Fragmente aus den “Glawogger-Tagebüchern” ins Kinoerlebnis ein, vorgelesen von Birgit Minichmayr. Das irritiert an manchen Stellen, bremst den “Genuss” der teils richtig bitteren Bilder, manchmal sind die Worte des Filmemachers aber dann auch eine gute Erfänzung, eine gewisse Einordnung. Unabhängig von dieser gestalterischen Frage ist eines der eindrucksvollsten Kapitel jenes das Kinder in einer Mülldeponie in der Wüste zeigt, die sich mit Tieren auf der Suche nach Verwertbarem inmitten von frisch angelieferten Müllbergen behaupten. Andere Szenen zeigen beispielsweise durch Krieg zerstörte Geisterstädte in Serbien, Wasserträgerinnen, einen mit Tierzähnen behängten Priester, Affen, tote Fische, Lasttiere, Steineklopfer und Ringkämpfer oder einbeinige Fußballer in einem Bürgerkriegsland. Und wie in früheren Dokus dieses großen Filelmachers: er trat auch für die Szenen für “Untitled” grundsätzlich immer einen Schritt zurück, huscht nie als Beobachter ins Bild, muss nicht wie andere notorisch demonstrieren, wie nah er den Portraitierten kommt. Kurzum, diese Produktion verdient das Prädikat: Absolut sehenswert!

Sommerhäuser

In dem Ensemble-Film, in dem außer Günther Maria Halmer und Christine Schorn nicht besonders viele allzu bekannte Leinwand-Namen mitwirken, dreht sich alles um ein wirklich wirklich großzügig bemessenes “Gartengrundstück”, bzw. 99 % des Streifens spielen auf Selbigem und oder einem Nachbaranwesen. Angefangen bei Klamotten und sonstiger “Farbgebung” bis hin zu einem halb gezeigten CDU-Parteiplakat an den Außengrenzen jenes Kosmos, auf dem man Helmut Kohl erahnen kann, verweist “Sommerhäuser” durchweg einen Tick zu aufdringlich, dass das Ganze dabei auch gleich ins Jahr 1976 zurückversetzen will. Inhaltlich werden dabei im Grunde 3 1/2 Geschichten erzählt: eine über eine unlängst verblichene alte Dame; eine über eine altersmäßig höchst unterschiedliche, direkt mit ihr verwandte oder “eingeheiratete” Reihe Menschen und deren “Beziehung” untereinander, deren Begeisterung, Vorurteile oder gar offene Ablehnung für den Rest der Sippe und die letzte der insbesondere anhanf von zeitungsmeldungen verfolgten Geschichte über das Schicksal eines entführten Mädchens, das mit allen vorgenannten und auch mit dem Nachbarn der Großgrundbesitzer in keinem Zusammenhang steht.

Um es kurz zu machen: es wird immens Spannung aufgebaut. Der Zuschauer muss sich regelmäßig sorgen, dass einem oder gar mehren der neugierigen Kinder (die eigentlich bis das verschwundene Mädchen wieder aufgebtaucht, ein etwaiger Täter geschnappt wurde, ausschließlich auf dem Anwesen spielen sollten – also nicht irgendwoanders unterwegs sein) besagter Sippe schon nach dem nächsten Kameraschwenk Unheil droht. Doch – sorry bei so einem unter’m Strich sinnfrei bedeutungsschwanger erzählten Film “müssen” wir einfach spoilern”: außer durch Wespenstiche und Worte von Verwandten und Verschwägerten kommt hier bis kurz vor Schluss keiner der Familie zu schaden. Und was dann “doch noch” Tragisches passiert – was wir natürlich nicht auch noch anspoilern – hat mit Pädophilie oder anderen Krankheiten und Perversionen nichts zu tun.

Unser Urteil: Die Schauspieler machen durchweg eine gute Arbeit, die Kameraarbeit ist sogar überdurchschnittlich – der Film selbst (Drehbuch, Grundidee…) lohnt jedoch überhaupt nicht!



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