Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Welten prallen aufeinander

“Kaffee mit Milch und Stress” erzählt über das Altwerden, über das Alleinsein und unter anderem über “die” Russen sowie vermeintlich gute oder vermeintlich schlechte Dinge: wie den Ford Escort auf der einen und Elektroheizungen auf der anderen Seite. Obgleich dabei selbst mit einigen breit angelegten Sentimentalitäten ausgestattet, setzt die finnische Tragikomödie gerade in der generell zu rührseligen, latent übelst verlogenen Weihnachtszeit einen kurzweiligen Kontrapunkt zum sonstigen Kinoprogramm. 

Ausgerechnet die pseudoliberale, in Wahrheit aber staatstragende, nicht nur in Sachen Mollath letztlich umgefallene und in der Causa NSU von Anbeginn an schlimmer als töricht und desinformierend agierende “Süddeutsche Zeitung” entblödet sich nicht – wenngleich formal primär an der Hauptfigur abarbeitend -, diesen mit feinster Beobachtungsgabe und unaufgeregter Spielkunst aller beteiligten Akteure glänzenden Film in seiner Gänze als reaktionär zu brandmarken. Und wo Philipp Bovermann (der mitunter auch für “Die Zeit” dichten darf, etwa Sätze wie “Maschinelles Denken ist dem menschlichen in vielen Bereichen voraus.”), der Schreiberling besagter Münchner Postille, schon mal in Fahrt ist, wird neben “Kaffee mit Milch und Stress” – passend zur hierzulande gemeinhin unausgesprochenen aber vorherrschenden Staatsraison, die die so genannte Globalisierung und andere ausufernde Kapitalis-men über den grünen Klee, und die mit ihnen einhergehenden Unmenschlichkeiten und sonstigen Probleme klein zu reden hat – implizit gleich ein ganzer Menschenschlag verdammt: jeder, der “sich das Vergangene, das Ursprüngliche zurück” wünscht, geht dem “Journalisten” offenbar wie der Film “zunehmend auf den Geist” – was da rausgeblasen werde, könne man “beim besten Willen auch nicht mehr lustig” finden. Soso!

Doch zum einen: warum sollte man, wenn – junge oder alte mal außen vor – Menschen etwas zu mäkeln haben, das überhaupt lustig finden wollen? Zum anderen hat die neueste Arbeit von Regisseur Dome Karukoski, den man auch hierzulande bereits durch Werke wie “Tom of Finland” oder “Helden des Polarkreises” kennen könnte, ohnedies auch einige heitere Momente zu bieten. Und die strotzen ganz gewiss nicht vor vordergründiger Schadenfreude oder billigen Witzchen.

Konkret: Im Mittelpunkt steht ein alter Mann (Antti Litja), dessen Frau mit schwerer Demenz im Krankenhaus liegt und der ein gespaltenes Verhältnis und große charakterliche Unterschiede zu seinem Sohn (Iikka Forss), und erst recht zu dessen Gattin Liisa (Mari Perankoski) nicht verbergen kann. Doch eine Art Haushaltsunfall sorgt dafür, dass der Mann, der den gesamten Film über “namenlos” bleiben wird, einige Tage ins Haus von “Schwiegertochter” ziehen muss und dabei nicht einmal Schützenhilfe von seinem eigenen Spross erwarten kann. Denn Letzterer bleibt in einem von dem Rentner eigenhändig gezimmerten Holzhaus auf dem Land, damit dort in der Abwesenheit des Alten nicht alles den Bach runtergeht.

Und so prasseln derweil der Namenlose und Schwiegertochter Liisa nicht nur bei der Auswahl des richtigen TV-Programms, der Einschätzung der Qualität des Nachrichtensprechers und jedem Gedankenaustausch über Technik-Kram, der seiner Meinung nach völlig überflüssig ist, ungebremst aneinander, sondern vor allem als sie mit wichtigen potentiellen Geschäftspartnern verhandeln und ihn dabei wohl oder übel in ihrer Nähe dulden muss.

Natürlich wirkt dabei manche frank und frei präsentierte Weltsicht des nachvollziehbar verbitterten Alten (wenngleich die zentrale Haupt- so ist es doch eine Spielfilmrolle, ein fiktionaler, in dem Fall streitbarer Charakter – wahrscfheinlich zu hoch für den Autor der SZ) absolut aus der Zeit gefallen, man könnte auch sagen wertkonservativ. Vorurteile gegen Frauen am Steuer gar unverbesserlich. Aber wie eben auch das reale Leben selten schwarz oder weiß ist, gibt es auch hier viele wohlgesetzte Grau- bzw. Zwischentöne. Und allein was der Alte über Natur- und (Haus)baukunst sowie energetische Fragen zum Besten gibt, hat natürlich nicht annähernd das Potenzial der Weisheiten des wunderbar wortgewandten, höchst intelektuellen und trotzdem nicht abgehoben wirkenden Dieter Wieland – aber im Ansatz ist auch die Filmfigur im Grunde ihres Herzens ein Kämpfer gegen die Verschandelung der Natur, die Zersiedelung der Landschaft, die Unwirtlichkeit der Städte – und tatsächlich auch ein kleiner Grantler des Grantelns wegen.

In jedem Fall die Basis für einen absolut sehenswerten Films, der nebenbei auch ein wenig die Methoden vermeintlich typischer russischer Geschäftsleute auf’s Korn nimmt und unter anderem einen vermeintlich ach so zuverlässigen Ford Escort mit Ansage gegen die Wan… – nein gegen den Baum fährt. Keine Sorge lieber Leser, das war kein wirklicher Spoiler. Überraschende Momente, solche zum Schmunzeln, manche zum an-die-eigene-Nase fassen und einige um anders als Herr Bovermann nicht an kritischen Mitmenschen sondern an unsäglichen Umständen – die mancheiner euphemistisch als Fortschritt zu verkaufen versucht – schier zu verzweifeln, gibt es in “Kaffee mit Milch und Stress” fast am laufenden Band. Und eben auch ein wenig implizite Kritik an heutzutage leider kaum mehr hinterfragten Gesellschaftsformen, wo der Staat die Kinder zu Marionetten groß zieht und die Erwachsenen derweil auch nur mehr wie ein Rädchen im Getriebe zu funktionieren haben und zusehends ver(bl)öden.



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