Vordergründig ist „Hundswut“ ein Kriminalfilm – da das Ganze unüberhörbar aus Bayern stammt und dort auch spielt, wird es so manchen Zuschauer freuen, dass der Streifen mit Untertiteln ins Kino kommt. Die Produktion wurde per Crowdfunding finanziert und erzählt über eine Hexenjagd im wörtlichen sowie im übertragenen Sinne. Alles beginnt damit, als ruchbar wird, dass gleich mehrere Jugendliche in einem kleinen Dorf auf vermeintlich mysteriöse Weise ihr Leben verloren.
Man schreibt das Jahr 1932. In München sind bereits die Nazis zugange. Die Vorsteher eines kleinen Dorfes schauen noch skeptisch Richtung Landeshauptstadt. Im selben Sommer werden in ihrem eigenen Umfeld binnen kürzester Zeit vier schlimm zugerichtete Leichen von Jugendlichen der Gemeinde entdeckt. Die Bewohner sind verunsichert und aufgebracht. Der Jäger tippt offiziell auf einen Wolf, auch wenn man ihm anmerkt, dass er diese Deutung auch als Beruhigungspille “streut”. Gleichwohl wird eine große Jagd organisiert, erwartbar ohne Erfolg. Spätestens jetzt beginnt die Gerüchteküche zu brodeln. Die, die noch immer nicht von einem besonders perfiden Mensch als Einzeltäter ausgehen wollen, schwadronieren nun sogar davon, dass nur ein Werwolf so etwas machen könnte. So oder so: Die Morde müssten eigentlich nach München gemeldet werden, der Gemeinderat (Christian Tramitz, Sepp Schauer, Heio von Stetten, Max Schmidt, Christian Swoboda, Joachim Zons) ist in dieser Frage allerdings zerstritten. Schließlich setzt sich einer durch: Man wird diese Sache selbst lösen.
Der Verdacht, besser gesagt der abgesehen von einem leichten Schlafwandel des Mannes unbegründete Volkszorn fällt schnell auf den ohnedies oft beneideten, und seit dem Tod seiner Frau als zu eigenbrötlerisch verschrienen Einsiedler (Markus Brandl), der alleine mit seiner erwachsenen Tochter Mitzi (Sophie Röhrmoser) am Waldrand lebt. Er wird festgenommen und, als es auch trotz gewisser Foltermethoden nach zwei Wochen kein Geständnis gibt, weil man ja selbst damals Menschen zumindest offiziell nicht ewig die Freiheit rauben konnte, fällt dem Dorfpriester etwas ein. Man könne den Menschen, die an die Werwolf-Geschichte glauben, einen Werwolf geben. Das muss dann nicht einmal gemeldet werden. Die katholische Kirche liefert mit seiner „Hexenhammer“-Anleitung (das auch als Malleus Malificarum bekannte Werk brachte gerade auch im bayerischen Bamberg, einer bis heute mit Bigotterie und Menschenfeindlichkeit in Politik, Medien und Kirche gesegneten^^ Hochburg der mittelalterlichen Hexenverbrennungen, nicht ansatzweise solide aufgearbeitetes Leid) Rat und Tat. Während sich die Freizeit-Politiker in der Film-Gesichte zusehends jede Rest-Menschlichkeit und Vernunft verlieren, versuchen einige Frauen (u.a. Christine Neubauer, Eva Mähl, Christine Zierl) des Dorfes das unvermeidlich Scheinende doch noch irgendwie abzuwenden.
Das Wort „Hundswut“ ist ein altertümlicher Begriff für Tollwut. Regisseur und Drehbuchautor Daniel Alvarenga hat, nachdem die Bayerische Filmförderung seinem Projekt, im dem viele namhafte Schauspieler wirken und für den Konstantin Wecker (er hat auch einen Kurzauftritt) die Musik mitschrieb, eine Absage erteilt hatte, mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne letztlich mit einem Budget von lediglich 300.000 Euro alles doch noch auf die Beine gestellt. Dem Vernehmen nach gelang dies weil viele Mitwirkende bereitwillig auf einen Großteil ihrer üblichen Gagen verzichteten. Das Ergebnis ist eine in sich plausibel und vor allem ergreifend erzählte, durchweg düstere Stimmung verbreitende Geschichte, die auch viele Assoziationen ins Hier und Jetzt liefert. Wie Menschen andere einer Meute zum Fraß vorwerfen, mehr oder minder anlasslos denunzieren; Politik, Kirche, Medien und Prominente an einem Strang ziehen, Mitmenschen verächtlich und oder mundtot machen, härteste Strafen und Ausgrenzung für unbescholtene Bürger fordern, hat man nicht zuletzt, aber recht intensiv im Zuge des gesamten “Corona”-Regimes auch hierzulande wieder eindrücklich erleben müssen.
Hier im Film geht es zumindest auch um die nachvollziehbaren Ängste mancher Menschen nach den ungeklärten Morden an jungen Dorfbewohnern ehe sie sich einen Sündenbock herauspicken und sich teils diebisch freuen, wenn diesem schlimmstes Leid widerfährt. Als Zuschauer erlebt man wie Verdächtigungen und Beschuldigungen sehr irrationale Züge annehmen, die Gewaltspirale nicht nur dank der teils missgünstigen, teils willfährigen Dorfhonoratioren unaufhaltsam wird. Obwohl die Geschichte fast 100 Jahre zurück spielt, ist man sobald man an dem Punkt angekommen ist, die altertümliche Kleidung sowie die fehlende “moderne” Technik um die Protagonisten herum auszublenden, fast zwangsläufig auf der Suche in der eigenen Biographie wo man zu vieles abgenickt hat, tatenlos blieb, wo ein Eingreifen nötig gewesen wäre oder erinnert sich zumindest bei Dinge, die man so aufgeschnappt hat (auch schon vor 2020) und kann dann gemeinhin nicht mehr anders, als geschlossene Gesellschaften; Vorurteile; Gerüchte und Menschen, die sehr schnell das selbständige Denken aufgeben und sich wie ferngesteuert in Unmenschlichkeit manövrieren, wenigstens nachträglich zu verurteilen. Ob es einen Effekt auf das eigene zukünftige Tun hat, wäre natürlich eine wunderbare Vorstellung, dass ein Film da etwas nachhaltig in Gang setzt. Auf der Leinwand wird schließlich noch als letzte Warnung vorgeführt, dass es sich mit schlechtem Gewissen für einige der Hauptfiguren noch eifriger quälen und morden lässt.
