Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Freizeittipps 28.11.-25.12.2014

OrangeRVV28.11. Orange – Feierwerk – Jeder Stammleser hier kennt “Rainer von Vielen”, deren Musik sich durch Energie und Glaubwürdigkeit auszeichnet. Die vier Musiker aus Kempten, die 2005 den österreichischen Protestsongcontest gewannen sind etwa auch bei G8-Protesten oder auf Attac-CD-Samplern vertreten. Gleichwohl sieht Rainer Hartmann seine Combo nicht als Protest- oder politische Band. „Von Attack kenne ich ‚Global denken, lokal handeln’. Wir als Band können Menschen zusammenbringen, die Gleiches empfinden, und unsere Meinung mit ihnen teilen“, sagt der Mann, der eigentlich Drehbuch studiert hat. Und über den Begriff „Heimat“: „Das ist der Platz, wo die Leute sind, die wir gern haben. Heimat hat sehr viel mit Liebe zu tun, aber wir verstehen uns schon sehr als Weltbürger und nicht als Patrioten.“ Entsprechend beziehe sich Heimat beim Musikprojekt Rainer von Vielen sehr stark auf die Musik, auf die Instrumentalisierung: „Das sind die Klänge, die man aus unserer Gegend kennt: Akkordeon, was ich als Kind gelernt habe, Hackbretter, Bläser, Maultrommel …“ Rainers wirklich ganz eigener, von elektronischen Beats und Melodien dominierter Stil, ergänzt mit fulminantem Oberton-Gesang, ist mit das Originärste, was die letzten Jahre an deutschsprachigen Produktionen das Licht der Tonträgerwelt erblickte.

Kennen Sie aber eigentlich auch “Orange”? Denn heute ist nicht die “Bastard-Pop”-Combo am Start – sondern Rainers akrobatische Stimmgewandtheit paart sich einmal mehr mit besagtem Musikprojekt, welches ein Soundgeflecht aus massiven, energischen Trommeln & Percussions, Didgeridooflächen und verspielter Elektronik verspricht! Wenn Sie davon noch nie etwas gehört haben wird es höchste Zeit! Zur Einstimmung hier ein paar Clips.



dota_kern29.11 “Kleingeldprinzessin” Dota Kehr – Hansa 39

Gemeinhin wird sie von Journalisten gern in die Schublade der “Protestsängerinnen” gesteckt – und wenngleich sie diese Art Lieder wirklich modernisiert, ist ihr Repertoire weitaus breiter: Die Geschichten der selbsternannten “Kleingeldprinzessin” Dota Kehr und ihrer Band “Die Stadtpiraten” drehen sich um den hektischen und hastigen, süchtig machenden Zeitgeist, um eine Kaulquappe, die lieber im Wasser bleibt und statt Frosch zum Wal werden will, um Erinnerungen an die Liebe oder etwa auch das schlechte Gewissen und „das schwarze Geld in weißen Händen“. Ihre von Binnenreimen übersäten, aber keine Spur Sentimentalitäten versprühenden Lieder sind voller Wortwitz und erzählen plastisch, treffend beobachtete Alltagssituationen. Die in Europa und Südamerika als Straßenmusikerin erprobte Sängerin und ihre jazzigen Begleiter wissen entsprechend seit Jahren mit ihrer ganz speziellen Mischung aus Chanson, Samba und Bossa ein immer größer werdendes Publikum zu begeistern. Dabei sind ihre Lieder viel mehr als nur Retro. Sie klingen nach fein strukturierten Songperlen von heute, bei denen viele Klangquellen elegant ineinander fließen, aber gezielt auch Brüche und Schnitte zu hören sind. Dazu Dotas klare und angenehme Stimme – sie gibt den Liedern von Überwachungswahn und der Desillusion nach dem Rausch der Verliebtheit erst den richtigen Schliff.



stromae04.12. StromaeZenith Dass der Mann der mit “Alors On Danse” vor ein paar Jahren scheinbar (!) über Nacht die internationalen Hitlisten und Dancefloors eroberte aus Belgien kommt hat sich zwischenzeitlich herumgesprochen. Aber noch nicht jederman weiß, dass es sich bei dem Künstlernamen um ein Anagram respektive Verlan von “Maestro” handelt. Wie auch immer. Nach einem ersten Berlin-Gig vor wenigen Tagen in restlos ausverkaufter Halle, wird er erfreulicherweise auch in München mit seinem neuen Album Racine Carrée auf Tour sein: Mit perfekter Balance zwischen der Unbekümmertheit seiner bemerkenswerten Beats und den kritischen Reflexionen in seinen Texten präsentiert er seine Ansichten über die Musik, das Leben und den Zeitgeist. Mit “Formidable” wurde just wenige Wochen vor seinem letzten Auftritt in München die zweite Single aus dem Album Racine Carée veröffentlicht, mit der er in Frankreich und Belgien bereits die Spitzen der Charts erklimmen konnte. Das dazugehörige provokante Video wurde mit versteckter Kamera gedreht. Inzwischen erlangte das Video unglaubliche 50 Millionen Klicks! Entsprechend war das Konzert in der Muffathalle im Februar restlos ausverkauft. Und auch diesmal dürfte die Location – namentlich das Zenith – mehr als gut besucht sein. Also nutzen Sie unbedingt den Vorverkauf!



hagenrether13.12. Hagen Rether – LMU Er gehört, nachdem sich Georg Schramm ja nunmehr zurückgezogen hat vom Kabarettfeld, neben Uthoff und Pispers zu den Top Drei der aktiven deutschsprachigen Wortakrobaten, ist ein gnadenloser Beobachter, der sich mit allem beschäftigt, außer mit politischer Korrektheit, verbreitet vorzugsweise in Form einer formal netten Plauderei Wahrheiten, die sitzen. Für Rether gibt es keine Unterschiede, er bemängelt den Vatikan in einem Atemzug mit dem Dalai Lama, wettert somit gleich öfter gegen die wenig „artgerechte Haltung“ von kleinen Jungen, die von „alten Männern“ aus ihren Familien gerissen werden. Zu den ebenfalls wenig realen Heilsversprechen der Konsumindustrie ist es für den Künstler nur ein kleiner Schritt. Vor allem geht es Rether um das gerechte Maß und nicht darum, einen Ex-Bahnchef Mehdorn an den Watschenbaum zu stellen oder einem Lafontaine Populismus vorzuwerfen, während ein Geisler für berechnete Aktionen Applaus erhält. Allein dieser Clip trifft die mediale Verlogenheit hierzulande wie der vielzitierte Nagel… – Achtung für alle, die sich frühzeitig Tickets gesichert haben: das Gastspiel wurde von der Aula der LMU ins Audimax der LMU verlegt.



licht19.12. Peter Licht – Schwere ReiterLange war sein Gesicht in der Öffentlichkeit unbekannt, wer ihn sehen wollte musste in seine Konzerte – was ohnedies ein absolutes Highlight ist. Als er etwa vor Jahren in der Harald Schmidt Show auftrat, sahen ihn TV-Zuschauer nur halsabwärts; und damit Journalisten, die wie wir vor Jahren die Ehre auf ein Telefoninterview hatten, trotzdem etwas vor ihrem geistigen Auge hatten, bekamen sie u.a. eine Kartoffel zugeschickt. Das war recht kurz nach dem Hype um seinen Sonnendeck-Ohrwurm. Peter Licht ist wohl von allen deutschsprachigen Künstlern derjenige, dem es am besten gelingt Popmusik mit anspruchsvollen Inhalten (etwa im Bereich Kapitalismuskritik), oft gar regelrecht doppelbödigen Geschichten zu paaren und dabei absolut unprätentiös rüberzukommen. Erst recht wenn er auf der Bühne sinnigerweise beim Wettentspannen oder beim Wiedersehen mit der transylvanischen Verwandten regelrecht abdanct. Weil seine Plattenfirma es nicht hatte machen wollen, beschritt der auch als Dichter und Regisseur glänzende Künstler Crowdfunding-Wege, um ein ganz besonders originäres Live-Album zu finanzieren – die ersten, die richtig Kohle gaben, konnten sich dabei den Original-Bürostuhl aus dem legendären „Sonnendeck“-Video sichern. Und in unserem absoluten Lieblingslied von ihm, gibt es den Mann seit einigen Wochen auch vom Scheitel bis zur Sohle zu sehen. Aber so ein Clip ist nix im Vergleich zum Liveerlebnis.



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