Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Gewaltvoller Ausflug ins Jahr 2001

„Arboretum“ (Kinostart: 09.02.2023), das Langfilmdebüt von Julian Richberg, spielt in einem kleinen sächsischen Dorf. Im Sommer vor “9/11” langweilen sich dort zwei Jugendliche sprichwörtlich zu Tode. Irgendwann gerät in dieser Coming-of-Age-Geschichte alles aus den Fugen: etwas Mysteriöses spukt in Wäldern und Köpfen herum.

Das lateinische Wort Arboretum meint so etwas wie eine Ansammlung von verschiedenartigen Bäumen und Pflanzen, auch Exotische, wie zum Beispiel in einem botanischen Garten. Auch um das eine fiktive Dorf im Film, welches der Zuschauer irgendwo in Sachsen an der ehemaligen DDR-Grenze verorten darf, gibt es viele Wälder. Und dass Wälder oft Unheimliches an sich haben (sollen), ist hinreichend aus der deutscher Märchenwelt bekannt.

Es ist Sommer 2001. Der Alltag für die beiden Teenager-Freunde Erik (Oskar Bökelmann) und Sebastian (Niklas Doddo) ist gemeinhin mit todlangweilig noch euphorisch umschrieben. Entweder spielen sie an der Konsole oder üben schießen im Wald. Weitere Freunde als sich selbst haben sie offenbar keine, in der Schule werden sie vielmehr von einigen Typen regelmäßig schikaniert. In ihrer Gegend kloppen sich Neonazis mit Punks, im Wald gerät “irgendwie” ein merkwürdiger Baum ins Blickfeld, in dessen Nähe etwas mit Erik zu sprechen scheint, und in den USA stürzen vermeintlich von Terroristen gesteuerte Flugzeuge in große Gebäude, manches Bauwerk fällt dort ominöserweise auch ohne Kollision zusammen – aber das wäre eine ganz andere Geschichte, die in diesem Streifen erwartbar nicht angeschnitten wird. Also zurück in das Arboretum-Universum: Erik verliebt sich in Ellie (Anna Jung), und dadurch bekommt seine Freundschaft mit Sebastian Risse, Letzterer erscheint in der Folge immer hasserfüllter und undurchschaubarer…

Richbergs Film ist unabhängig finanziert, was heutzutage selten auf bundesweite Neustarts zutrifft und gemeinhin stilistische und erzählerische Unabhängigkeit verspricht. Die frustrierende Langeweile in der Provinz hat der im beschaulichen Fritzlar (Hessen) geborene und aufgewachsene junge Regisseur zweifelsfrei gut getroffen, auch sine Hauptdarsteller der Außenseiter-Figuren meistern ihren Job mehr als ordentlich. In einem Interview fasste der Macher sein Werk wie folgt zusammen: “‘Arboretum’ ist ein Film über die Wechselwirkung von fehlender menschlicher Wärme und Gewalt. Alle Figuren sind alleingelassen und entwickeln dadurch ein Gewaltpotenzial, sie erfahren Gewalt und verstricken sich in einer Konfliktspirale”.

 

Allerdings wirkt das Ganze in der Realität doch nur irgendwie ziemlich zerfahren: Zu viele nur oberflächlichst angerissene, geschweige denn auserzählte Nebengeschichten. Trotz der Mobbingepisoden wird nicht wirklich nachvollziehbar, warum die Jungs so wütend sind. Ok, es gibt mutmaßlich kaum Perspektiven auf ein erfülltes Leben, kaum eine Beziehung mit den Eltern, und in der Schule werden sie eben drangsaliert – summa summarum alles andere als auch nur ansatzweise angenehm, aber für einen – um nicht zu spoilern nennen wir es einmal – derartigen “Wutausbruch”, der gleich am Anfang des Film angedeutet wird, ergibt sich im Lauf der knapp 80 Minuten an vielen Stellen überdies zähen Geschichte  wenig Handfesteres.

Ziemlich gewollt erscheint aber vor allem das Reinquetschen von “9/11” in dieses Drehbuch. Das was an “Arboretum” unterm Strich funktioniert würde auch ohne die in der Wohnstube^^ der Jugendlichen flimmernden TV-Bilder und kurzen Gedankenaustausch-Sequenzen dazu funktionieren: Eriks Vater könnte einen anderen Grund finden, plötzlich über seine Vergangenheit als NVA-Grenzwächter zu sprechen. Aber nicht nur dieses “Mauerschütze-Kapitel” erscheint viel zu gewollt, und daher lässt einem der gesamte Film letztlich ziemlich kalt, obwohl die Story an sich, fokussierter erzählt, viel Potential für einen spannenden Film mit Horror-Fantasy Elementen gehabt hätte. Zumal auch die Kulissen durchweg sehr gekonnt gewählt wurden und eben neben dem authentisches Spiel der jungen Mimen auch die körnigen und wackeligen Aufnahmen die oft zum Einsatz kommen, gar nicht aufgesetzt wirken.



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