Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Gehen oder bleiben

“Das freiwillige Jahr” im Verleih von Grandfilm zeigt die Zerrissenheit eines Teenagers zwischen den Erwartungen seines Erziehungsberechtigten und seinen eigenen noch gar nicht ausgereiften Wünschen. Während der Vater die Reise der Tochter zu ihrem FSJ quasi durchboxt, kristallisiert sich bei letzterer nach und nach zumindest heraus, was sie eigentlich nicht will. Mit einer leichten Prise Humor erzählen die Macher in diesem Drama über einen Konflikt ohne wirklichen Konflikt.

Jette (Maj-Britt Klenke) ist mit der Schule fertig und soll nun ihr “freiwilliges soziales Jahr” im Ausland antreten, das ihr Vater über seine Bekannten in Costa Rica organisiert hat. Urs (Sebastian Rudolph) ist alleinerziehender Arzt in einer Provinzstadt und plant sehr entschlossen die Zukunft seiner Tochter, so dass er gar nicht mitbekommt, wie skeptisch und verdruckst Jette ihm beim Packen des Autos beobachtet. Sie sind auf dem Weg zum Flughafen, da fällt Urs ein, dass die Tochter noch ihre professionelle Kamera mitnehmen wollte – die liegt in der Wohnung seines Bruders. Also wieder zurück. Jettes Onkel scheint die Tür nicht aufmachen zu wollen oder zu können (die Wohnung gehört Urs). Nach einigen vergeblichen Ansprachen, recht gewagter Balkonakrobatik und einem vergeblichen Bohrmaschineneinsatz beginnt der Arzt – auch ohne Rücksicht auf die Nachbarn – kurzerhand die Eingangstür zu zertrümmern. Bereits zu Beginn dieser aberwitzigen Aktion tauchte Jettes Ex-Freund Mario (Thomas Schubert) auf, der sich von ihr wegen der anstehenden Reise bereits halbherzig getrennt hatte. Weil Urs wie erwähnt durchzusetzen versucht, was er sich in den Kopf gesetzt hat, sprich die Kamera zu holen, gleichzeitig aber die Zeit für’s Boarding seiner Tochter mit Riesenschritten voraneilt, schickt er Jette in seinem Wagen mit Mario zum Flughafen. Kurz vor dem Terminal lässt seine Tochter allerdings das Auto umkehren und die beiden Jugendlichen beginnen eine kleine Odyssee.

Ulrich Köhler (Montag kommen die Fenster, Schlafkrankheit) und Henner Winckler (Lucy, Klassenfahrt) sind sowohl für das Drehbuch als auch für die Regie von „Das freiwillige Jahr“ verantwortlich. Der Film ist zwar kein so großer Wurf, wie Köhlers Berlinalebeitrag aus dem Jahr 2006, und ohnedies eher eine überdurchschnittliche TV- als eine überragende Leinwandproduktion, beschreibt aber ziemlich gut, wie ein Mensch ohne Rücksicht auf die Wünsche einer anderen Person (die ihm doch angeblich immens nahe steht) – Wünsche, die zwar noch gar nicht in Worte gefasst sind, aber für einen guten Beobachter, was Urs nicht ist oder sein will, durchaus sehbar sind – deren Zukunft (ver)plant. Urs’ Worte „Dann kommst du hier endlich mal raus“ entlarven nebenbei sogar seine Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben: hängen geblieben in der Provinz, eine Affäre mit der verheirateten Sprechstundehilfe, das sich Kümmern um den seiner Meinung nach lebensunfähigen Bruder. Viele Mosaiksteine einer traurigen Persönlichkeit werden hier erfreulich unpathetisch ans Licht befördert. Und so wird auch dem letzten Zuschauer irgendwann klar: Der Vater wäre gerne selbst derjenige, der in den Flieger steigen würde. Stellvertretend soll das aber die Tochter machen, ein Teenager, der seinen Wünschen gerecht werden will, ohne die Eigenen zu kennen. Bis eben kurz vor’m Flughafen. Zusammen mit Mario wagt Jette dann aber auch nur einen kleinen, recht unbeholfenen und für’s Erste auch überhaupt nicht nachhaltigen Ausbruch, versteckt sich mit ihrem Freund ein paar Tage lang vor ihrem Vater. Als der sie auch aufgrund mangelnder Reife von Mario wieder findet, muss Urs unsanft lernen, dass er sich nicht immer über den Kopf der Anderen hinwegsetzten kann. Köhler und Winckler zeichnen die Entwicklung eines scheuen Teenagers mit großer Bürde auf den Schultern hin zu einer Person, die nein zu sagen wagt, und stellen den Vater bloß, der für die Bedürfnisse anderer blind geworden war. Denn auch das wird dem Zuschauer klar, Urs ist kein fieser Typ. Das Leben scheint auch ihm sukzessive negativ geformt zu haben, ohne dass es ihm selbst so richtig bewusst werden konnte. Das Ende der Filmgeschichte, welches hier natürlich nicht einmal von der Tendenz – ernüchternd, hoffnungsfroh oder irgendwo dazwischen – angedeutet werden soll, passt in jedem Fall zu der klugen Inszenierung.



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