Kinderchöre und Glocken im Einklang – Weltpremiere von “Calling” beim Hamburger Musikfest
Wieder einmal macht das Hamburger Musikfest mit einem Paukenschlag auf sich aufmerksam. Pünktlich zur Eröffnung des Festivals mit dem Schwerpunkt „Gott“ stand eine Weltpremiere auf dem Programm. „Calling“ heißt das Werk von Manfred Stahnke, das menschliche Stimmen und Kirchenglocken in Einklang zu bringen sucht und es war tatsächlich: Einfach göttlich! Von wegen Neue Musik ist nur dissonant und intellektuell! Unendlich sanft und weich verschmelzen Kinderchor und Glocken von vier Kirchen zu einem voluminösen Ganzen und gehen dabei eine Symbiose ein, wie sie nur die zeitgenössische Musik zu schaffen im Stande ist. Mit Calling gelingt es Stahnke, der zuletzt 2001 mit der Oper “Orpheus Kristall“ für die Münchner Biennale für Aufsehen sorgte, hervorragend, menschliche Stimmen mit dem samtenen und geheimnisvollen Klang von Kirchenglocken zu verschmelzen. Die Organe der Kinder zogen bei der Premiere allerdings gelegentlich den Kürzeren. Die Glocken waren einfach zu laut, sodass die Stimmen der kleinen Sänger kaum durchdrangen. Das war aber wohl ein eher technisches Problem. Etwas weniger Dezibel aus den Lautsprechern wäre hier sicherlich mehr. Dennoch gelingt es Stahnke, dem Durcheinander von Kirchenglocken und Kinderstimmen eine, wenn auch eigentümlich fragile, Struktur zu geben, die das Göttliche in den beiden Instrumentengruppen unterstreicht.
Noch bis zum 20. September können sich Interessierte unter dem Motto „Neue Farben für die Ohren“ in der Musikhalle, dem Abaton-Kino, dem Brahms-Foyer und in der Innenstadt von der Vielschichtigkeit und der Virtuosität zeitgenössischer Künstler inspirieren lassen. In mehr als 25 Veranstaltungen zeigen begnadete Komponisten, was sie zum Thema „Gott“ zu sagen haben. So stehen beispielsweise Alois Zimmermann, der seine Partituren stets mit einem Kürzel zu Ehren Gottes abschloss, Oliver Messiaen oder Galina Ustwolskaja auf dem Programm und Iris Radisch liest und kommentiert literarische Texte über den Schöpfer aller Welt. „Wir geben uns nicht mit halben Sachen zufrieden. Musik ist ein geistiger Stoff. Töne kann man weder sehen noch anfassen, und was sie bedeuten, kann mit Worten nicht ausgedrückt werden. Dafür sind sie offenbar das Sprachrohr einer immateriellen, geistigen Welt, und solange wir an ihr interessiert bleiben, solange werden wir uns mit Musik auseinandersetzen wollen und müssen“, sagt Ingo Metzmacher, General-Musik-Direktor und künstlerischer Leiter des Festivals. Freunde zeitgenössischer Musik können außerdem den Hamburger Sinfonikern lauschen, welche den Film „der Golem“ von Paul Wegener musikalisch untermalen, oder sie lassen sich von den „Neuen Vokalsolisten“ aus Stuttgart die „Stimmung“ Karlheinz Stockhausens erklären, während sich Jazzfans am 17. September an Steve Coleman und den „Five Elements“ ergötzen.
