Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

“Lustig statt verzweifelt sein”: Europa und das Leid der Refugees

In einem sizilianischen Flüchtlingslager muss eine französische EU-Beauftragte noch so Manches für den Staatsbesuch von Macron und Merkel  organisieren. Nicht nur ein überraschendes Wiedersehen mit ihrem Sohn und der Versuch manch anderer Beamter, hier und da eine Charade aufzuführen, bringen dabei Einiges durcheinander. In der Komödie „Nathalie und die Überwindung der Grenzen“ nimmt Regisseur Lionel Baier die EU und einen gewissen Typus an Maulhelden und Selbstdarstellern aufs Korn und erzählt damit eine Menge mehr über die wahren Bedürfnisse und Lebensrealitäten von Refugees als so manche Doku.

Nathalie Adlers (Isabelle Carré) kleines Team hat alle Hände voll zu tun: Es gilt PR-wirksam den Besuch der Vertreter der zwei vermeintlich wichtigsten europäischen Länder, Deutschland und Frankreich, in einem Flüchtlingslager auf Sizilien vorzubereiten. Merkel und Macron sollen bald im Camp in Catania eintreffen, während gefühlt nur wenige Meter entfernt fast täglich Leichen – auch von Kindern – am Meeresufer angespült werden, weil es die EU in Wahrheit mit dem sicheren Hafen sprichwörtlich auch seinerzeit nicht ganz so genau nahm. Der fiktionale aber von den Grundthesen her leider bis heute durchaus realistische Film „Nathalie und die Überwindung der Grenzen“, eine feine schweizer-französische Komödie, entführt seine Zuschauer – Sie haben es allein aus der Erwähnung der ehemaligen deutschen Kanzlerin in Funktion erkannt – also ein paar Jahre zurück. Konkret kurz bevor das “Thema Corona” die Runde machen sollte.

Es kriselt überall, Italien rückt rechts. Am Rande sieht man Urlauber, die nicht aus Empathie für die Opfer der gefährlichen Überquerung des Mittelmeeres in teils heillos überfüllten Schlauchbooten, betroffen sind, sondern weil ihnen der Anblick gruseliger Realitäten den Urlaub versaut. In einer anderen Sequenz wird für das Erzeugen einerseits mitleidserregender, andererseits selbstdarstellerischer Szenen zwischen einem Afrikaner und einem Vertreter der Registrierungsstellen Fragen-Antworten eingeübt, wobei einem der Beamten der Flüchtling, der schon vor Jahren Houellebecq übersetzt hat und auch sonst schlicht eloquent erscheint, mehr als eine Spur zu gebildet rüberkommt. Daran diesen Eindruck zu vermitteln müsse er noch arbeiten… Auch müssen alle Camp-Bewohner temporär in eine schmuddeligere Ecke des Geländes umziehen: denn wenn man die aktuelle Unterbringung mit den hohen Staatsgästen filmen würde, könnten die sich nicht ein paar Wochen später auf die Schultern klopfen, Missstände abgebaut, wirklich etwas bewegt, ein neues, besseres Lager hochgezogen zu haben. Die jetzige Wohnsituation will man dann also als kurzfristig umgesetzte Kraftanstrengung verkaufen. Schließlich soll durch die Visite von Merkel und Macron die Entschlossenheit und die Tatkraft der EU demonstriert werden. Dem realen “Grenzschutz” und omnipräsenter Behördenwillkür wie zum Hohn. “Frankreich wird sich großzügig zeigen, mit deutschem Geld”, sagt im Film einer der Berater Macrons launig in die Runde.

Nathalies Scedule steht im Großen und Ganzen. Da trifft sie plötzlich auf den betont aktivistischen Albert (Théodore Pellerin), ihren mittlerweile erwachsenen Sohn, den sie vor seiner Pubertät verlassen hat, um ihre bis dahin unterdrückte Liebe zu Frauen leben zu können und versucht nun ihm gegenüber ihr schlechtes Gewissen abzuarbeiten. Er hat trotz dem Ansatz den Refugees wirklich helfen zu wollen selbst recht viele “blinde Flecke” und die Tatsache, dass er mitunter sogar bereit ist “vertrauliche” Dokumente an die Presse durchzustecken dient auch weniger dem Wohl der Hilfesuchenden denn seinen eigenen sexuellen Träumen. Anderen zuhören, wirkliche Bedürfnisse auszuloten ist weder beim Sohn noch der Mutter eine ausgeprägte Stärke. Dabei ist es für den Film nicht schlimm, dass manche Entwicklungen früh vorhersehbar sind, es geht erkennbar weniger um Spannung denn um das gerechte Verteilen von scharfen Spitzen in viele Richtungen. Letztlich auch darum, auch dem Zuschauer den Spiegel vorzuhalten. Und tieferliegend: in gewisser Weise um ein Plädoyer für Europas nominelle Werte, bei der das Nebenthema Mutter-Kind-Beziehung eine doppelbödige, gar metaphorische Berechtigung hat.

2014 bereits habe er angefangen am Drehbuch zu schreiben, so der Schweizer Lionel Baier (u.a. „Dummer Junge“, „Schockwellen – Der Fall Mathieu“), und dafür auch Flüchtlingszentren in Italien und Griechenland besucht, um zu sehen, wie die “Aufnahme” auf europäischem Boden tatsächlich ablaufe. So musste er an der Küste von Lesbos etwa erleben, wie dort Typen im Auftrag der Autoritäten angeschwemmte Schlauchboote aufschlitzten, “damit sie nicht für eine weitere Überfahrt von der Türkei aus, die auf der anderen Seite des Wassers mit bloßem Auge sichtbar ist, benutzt werden konnten”. Um dem schweren Thema mal ganz anders zu begegnen, habe er ganz bewusst Komödie und Drama miteinander kombiniert. Dass er seine Erzählung ins Jahr 2020 zurückverlegt hatte diverse Gründe, in jedem Fall konnte er so gegen Ende der Handlung die so genannte Pandemie ausbrechen lassen, “so dass wir dem vollen Happy End ausweichen (konnten). Angesichts des Themas Migration, das sich durch den Film zieht, wäre das vielleicht etwas unpassend gewesen”, so Baier im Interview mit der Wochenzeitung “Der Freitag”.

Zusammen mit einem durchweg hervorragenden Team vor der Kamera – u.a. der Französin Isabelle Carré (u.a „À la Carte!“, „Weinprobe für Anfänger“), dem jungen kanadischen Schauspieler Théodore Pellerin („Niemals Selten Manchmal Immer“, „Der verlorene Sohn“) sowie der Schweizerin Ursina Lardi („Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“, „Die Nachbarn von oben“) als Nathalies deutsche Kollegin und ihre frühere und wohl wieder Affäre – bietet Baier sehr intelligente, regelrecht scharfzüngige Unterhaltung zum schwierigen Thema Flüchtlingspolitik, bei der dem Betrachter mehr als einmal das Lachen im Hals stecken bleiben dürfte, etwa wenn Bewohner eines Hafendorfes unter Zuhilfenahme von in vielen Kulturen bekannten “Klageweibern” am Strand den neuesten Ertrunkenen gedenken. Eingebettet ist das Ganze wie erwähnt in eine Rahmenhandlung über familiäre Zerrissenheit mit allerlei Erinnerungen an frühere aber auch aktuelle persönliche Kränkungen und Machtspielchen. Und das eben inmitten einer oft widersprüchlichen, häufig von Doppelmoral geprägten und nicht selten – vor allem auch in Deutschland – schon seit 2015  bewusst  (!) menschenunwürdig gestalteten, aber trotzdem als „Willkommenspolitik“ geframten Welt von Abschottung und Asylsuchenden die unter anderem mit den Absurditäten von so genannten Dublin-Verfahren zu kämpfen haben.

kulturkueche.de FAZIT: Dieser Film ist ein wahres Kleinod! Im aktuellen Kinojahrgang bisher tatsächlich einer der allerbesten europäischen Filme überhaupt, die es auf die große Leinwand geschafft haben.

 

 

 



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