Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Kurzkritik zu “Minotaurus”

Der November hat gerade erst begonnen, und doch verkünden wir bereits den “Film des Monats”: Andrei Swjaginzews “Minotaurus” ist Ehedrama und Antikriegsfilm zugleich und sagt eine Menge über nur scheinbar moderne Arbeitswelten aus. Die Geschichte spielt zwar erkennbar in Osteuropa, hat aber durchaus universelle Bezüge zu einer – wenngleich auf unterschiedliche Art und Weise – auch im westlichen Europa und den Staaten medial und von Parlamentariern auf unvermeidbare “Militäroperationen” eingeschworene , vom Alltag müde und willfährig erscheinende Gesellschaft.

Intrigen, Korruption, Verrat und vieles dergleichen mehr nehmen Menschen nicht auch hierzulande erst in den letzten Jahren billigend in Kauf – oder wenden es gar proaktiv an – wenn es um das Fortschreiten auf der eigenen Karriereleiter und oder auch um’s eigene “Überleben”, um Anerkennung oder welche Sehnsüchte auch immer geht. Firmenchef Gleb, die Hauptfigur in “Minotaurus” wirkt anfangs gar nicht mal besonders skrupellos. Dmitri Mazourov, der diese Rolle teils minimalistisch, aber durchweg überzeugend ausfüllt, erinnert in manchen Schritten ein wenig an Kevin Spacey in “House of Cards”. Vielleicht liegt diese Assoziation auch nur deshalb nahe weil beide Charaktere sprichwörtlich über Leichen gehen.

“wir schreiben das Jahr 2022”, Einblicke in die (es gibt ein Dorf des selben Namens, das ist aber nicht gemeint) fiktive Mittelstadt Krasnoborsk, für die im lettischen Riga gedreht wurde: da Russland Nachschub im nahenden Krieg mit der Ukraine braucht, wird landauf landab mobilisiert. In den Nachrichten und in Flurgesprächen der ersten Filmminuten erfährt der Zuschauer, dass nicht gerade wenige Männer Richtung Georgien reisen. Doch gerade die in den jeweiligen Distrikten wenn vielleicht auch nach außen er unsichtbar über den diversen Firmenbossen und Werksleitern stehen  setzen Letztgenannten im übertragenen Sinne die Pistole auf die Brust. Es gilt Sollzahlen zu erfüllen – je nach Betriebsgröße müssen die Chefs rasch entscheiden welche Arbeiter sie freiwillig abgeben. Ohne dass mit dem potentiellen Kanonenfutter selbst geredet würde, wandern deren private Daten von A nach B. Und so muss auch Gleb Männer für den Fronteinsatz freistellen – damit sein eigenes Unternehmen aber nicht leidet, entwickelt er eine perfide Lösung. Er lässt seine Chefsekretärin einfach neue Angestellte  finden, in dem man mit einem verlockenden Gehalt winkt. Und die kommen dann auf die Liste für die regionale graue Eminenz.

Der Kinozuschauer erlebt Gleb auch als Familienvater. Seinen Sohn will er im Alltag nicht enttäuschen, spielt auch den Kümmerer als ruchbar wird, dass sein Spross gerade von einem Mitschüler gemobbt wird. Nahezu alle Begegnungen mit der eigenen Frau (Iris Lebedeva) wird klar, dass sich diese Zwei nicht mehr viel zu sagen haben, auch wenn er es in manchen Phasen aufrichtig versucht blockt sie. Offenbar hatte er in der Vergangenheit auch manche Affäre. Nun aber sucht sie Zuwendung und Sex bei einem anderen. Er “riecht” es, schaltet eine Art Privatdetektiv ein. Und spätestens jetzt ahnt der Zuschauer, dass das alles nicht gut ausgehen wird.

Es geht hier aber im großen Ganzen gar nicht so sehr um die eine oder andere Entscheidung oder Handlung. Es geht um eine gesellschaftliche Atmosphäre. Um Hierarchien. Um Prestige. Um das sich in die eigene Tasche lügen. Auch in anderen Zweierbeziehungen im nominellen Freundeskreis der beiden Protagonisten. Um das sich Wegducken. Um Dinge ertragen. Und eben um den Versuch mancher aus Routinen und Alltagsfrust auszubrechen. Ungeachtet der Frage wieviel Schuld man selbst an der jeweiligen Situation hat.

In Cannes wurde der Film mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet – für kulturkueche.de ist es der Film des Monats November 2026. Es ist ein Streifen der unbedingt die große Leinwand verdient. Und idealerweise die Originalfassung mit Untertiteln. Viele Kritiker hierzulande bezeichnen den Streifen als Abgesang auf Putins Russland. Das strebte dem Exilanten Andrei Swjaginzew sicher auch vor. Aus unserer Sicht funktioniert “Minotaurus” aber weitaus universeller: es ist ein wohltuendes Pamphlet gegen jede Form von Militarisierung. Und ein Film der auch jedes Paar was schon länger zusammen ist förmlich nötigt sich den eigenen Spiegel vorzuhalten.



Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *