Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Bärchen liefern versaute Geschichten

KRANKE COMICS: Das gesammelte Elend Menschen, die sich in den Untiefen der Disney-Welten heimelig fühlen und oder allein bei dem Gedanken, dass man Sex nicht nur in absoluter Dunkelheit, gar ohne griffbereit liegende Wischtüchlein praktizieren kann, eine knallrote Birne kriegen, sollten ganz schnell das Weite suchen: für alle anderen könnten – so sie Klaus Cornfields „Kranke Comics“ noch nicht kennen – die Geschichten, die dessen anthropomorphe Figuren in dem extradicken Weissblech-Band “Das gesammelte Elend” durchleben, schlichtweg die derbeste Versuchung sein, seit es Buchgeschenke gibt.

Die bitteren Tränen von Fou-Fou auf dem Cover und Ha-Has Warnung, man komme in die Hölle, würde man dieses Buch lesen, sollten also wirklich nur diejenigen abschrecken, die zu zart besaitet sind. Wie streng man schließlich das mit dem “ab 18”-Hinweis nehmen muss, erklären hoffnungsvollerweise unsere folgenden Zeilen: Ekel oder Begeisterung – bei Cornfields Comics gibt es keine Zwischengefühle. Aus den – die Story in den Storys – von zwei niedlichen Bärchen als Zeichner verbrochenen Strips fließt tatsächlich aus nahezu jeder einzelnen Seite Sperma, es wird gekokst und gefickt. Nicht immer in dieser Reihenfolge.

Dabei wollten Fou-Fou und Ha-Ha eigentlich etwas Schönes und Nettes machen, müssen allerdings feststellen, dass sich “Schweinkram” besser verkauft. Und um zu überleben, zeichnen sie somit die Geschichten um sich herum. In der Nachbarschaft wohnt ein für seine Exzesse berüchtigter Pornokönig, Nutten aller Altersgruppen bevölkern die umliegenden Straßenecken, Schulmädchen werden für Sexfilme gecastet und – man kann es bei diesem Titel eben nicht oft genug erwähnen: Sperma fließt literweise in alle menschlichen – sorry – tierischen Öffnungen und auch sonst so in die Luft. Riesige erigierte Glieder bestimmen seitenweise das Bild. Die harmloseste Figur in der ganzen Serie ist vielleicht “Akne Jürgen”, den nicht einmal die schäbigste Nutte bedienen will…

Vielfältig Kulturinteressierte, die in Deutschland leben und von Klaus Cornfield vor diesen Zeilen noch nie etwas gesehen oder gehört haben, sind eigentlich schwer vorstellbar. Aber sollten Sie zu jenen Menschen zählen, und nun neugierig geworden sein: es lohnt sich übrigens auch Cornfields musikalisches Schaffen aus mehr als drei Jahrzehnten kennen zu lernen. “Throw That Beat (in the Garbagecan)” war, ehe sich ein großes Major-Label einmischte, in den frühen 1990er Jahren eines der hoffnungsvollsten Indie-Projekte überhaupt. Just nach der Auflösung der Band erblickten ab 1997 im Eigenverlag die ersten acht “Fou-Fou + Ha-Ha” Hefte das Licht der Welt, ehe es dann eher still um Cornfield wurde. 2005 sorgte er dann – mittlerweile nicht mehr von Franken, sondern von Berlin aus mit der nicht minder Originalität und kindliche Spielfreude versprühenden Minki Warhol als “Katze” erneut für frischen Wind in verstaubten CD-Regalen und auf diversen Klub-Bühnen. Und seit etwa 10 Jahren ist er denn auch noch zentrale Stimme des “Orchestre Miniature in the Park” – ein lusitiger Haufen, der vorzugsweise open air, ausschließlich mit Kinderinstrumentierung zumeist bekannte, weniger bekannte und selbst komponierte Lieder über die Sonne zum Besten gibt.

Also eine völlig andere Welt wiederspiegelnd, als die von Gewalt, Sex und Drogen voll gepropften “kranken Comics”. Diese sind auch im vorliegenden gut 400 Seiten dicken und schlappe 25 Euro günstigen Sammelband im Weissblech-Verlag stilecht schwarz-weiß zusammengefasst. Aber das Beste kommt ja angeblich immer zum Schluss: neben den ersten Heften (die quasi eins zu eins, das heißt mit Leserbriefen und alten Anzeigen im Stil der Gesamtzeichenart übernommen wurden) und – dann doch – einem kleinen, sinnigerweise auch so betitelten “Farbteil” (primär die alten Titel- und Rückseiten der acht Comic-Veröffentlichungen) gibt es hier auch ein neuntes, bisher nie regulär veröffentlichtes neuntes Heft mit sozusagen fast jungfräulichen Fou-Fou und Ha-Ha-Geschichten. Glasklare Kaufempfehlung!



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