Ihre Trüffelschweine im fränkischen Einheitsbrei

Morgen sind alle tot

In der spanischen, schwarzhumorigen Horrorvorstellung “Killing God – Liebe deinen Nächsten” stört ein obdachloser Zwerg ein ohnedies schon unter einem schlechten Stern stehendes Familienessen: Der geheimnisvolle Landstreicher behauptet Gott zu sein, und verkündet zugleich den Untergang der Menschheit. Seine Gastgeber dürften jedoch noch genau zwei Exemplare der Gattung Homo sapiens benennen, welche die Apokalypse überleben werden.

Anfangs ist der Kinozuschauer den vier Menschen, die in einer abgelegenen Berghütte ungestört den Silvesterabend verbringen wollten, immer einen Schritt voraus. Sie haben den kleinwüchsigen Landstreicher, der das Quartett in Bälde heimsuchen wird, bereits im Straßenverkehr erlebt. Das ging schon nicht gut aus für einen Familienvater und seine beiden Kinder. Schnitt. Die besagte Berghütte: Ein Paar, Carlos (Eduardo Antuña) und Ana (Itziar Castro), er mit Machoallüren und sie ziemlich übergewichtig und scharfzüngig, haben offenkundig gerade einen Mordskrach hinter sich. Weil er aufgrund einer tatsächlich recht zweideutigen SMS glaubt, dass sie ihn mit ihrem Chef (den er nicht einmal von einem Foto her kennt) betrogen hat. Ihre einzigen geplanten Partygäste für den Jahreswechsel waren Carlos‘ Vater Eduardo (Boris Ruiz) und sein Bruder Santi (David Pareja). Doch auch um diesen Familienmitgliedern jetzt noch abzusagen ist es bereits zu spät. Ohnedies haben die beiden Letztgenannten ihre eigenen Probleme. Der Alte ist seit kurzem Witwer und herkrank, Santi trauert seinerseits seiner Ex hinterher, die ihn für einen dem Vernehmen nach omnipotenten und besonders gut bestückten “schwarzen Argentinier” verlassen hat. Richtig harmonisch geht es in der Berghütte also auch ohne den ungebetenen Gast nicht zu.

Dass der Kleinwüchsige tatsächlich Gott sein könnte, wird zunächst keiner der Vier glauben können. Zu hilflos sein Versuch das Klo zu verlassen, aus dem die Familie erste verdächtige Geräusche wahrgenommen hatte. Was der Zuschauer in diesen ersten 35 Minuten an Unwettersound, präparierten Tieren, schweren Teppichen, großformatigen Heiligenbildern und anderen atmosphärischen Einfällen in diesem fast kammerspielartigen Film aufgetischt bekam, ist von den Regiedebütanten Caye Casas und Albert Pintó dermaßen gut zusammengepuzzelt, dass einem die Verkündigung des Obdachlosen nicht mehr überrascht: Morgen sind alle Menschen tot – bis auf zwei Exemplare. Und die vier Leute hier in der Hütte dürften in den nächsten Stunden gemeinsam beratschlagen, welche zwei Homo sapiens die Apokalypse überleben sollen.

Erst nachdem die Zweifler der Silvestergemeinschaft einen klaren Gottesbeweis erhalten haben – Eduardo wird von Gott (Emilio Gavira) erst dahingerafft und dann aber wieder zum Leben erweckt – geht es richtig ans Eingemachte. Carlos traut seiner Ana seit der SMS ihres Arbeitgebers nicht mehr wirklich über den Weg, neigt somit zunächst dazu, lieber mit seinem Bruder ein paar Jahre abzuhängen als mit seiner Angetrauten. Santi indes denkt daran, dass es ja dann alsbald um eine Neubesiedelung der Erde gehen könnte, und würde so ein Projekt denn am liebsten mit seiner immer noch vergötterten Ex beginnen. Die Zeit eilt, dass die Vier eine tragfähige Mehrheitsentscheidung hinbekommen – ihr Besucher will nicht ewig warten…

Der erste Teil des Filmtitels mag manch einem Kinobesucher in der Mitte des Streifens im Kopf herumspuken, entsprechend die Frage, ob einer der vier Menschen versuchen wird, Gott zu killen. Was wirklich passiert und was nicht, werden wir hier natürlich nicht verraten. Nur soviel: die stellenweise etwas langatmig geratene Produktion hält ihre düstere Komik bis zum Ende durch. Platte Lösungen wird es hier glücklicherweise nicht geben. Niemand hat hier etwas geträumt, keine Nachbarn sich einen morbiden Spaß erlaubt… “Killing God – Liebe deinen Nächsten” startet formal perfekt getimt zwischen Weihnachtsfeiertagen und Jahreswechsel. In Anbetracht zahlloser, teils martialischer Weltuntergangsszenarien, die die vergangenen Jahre ins Kino oder via Streaming-Plattformen direkt ins Wohnzimmer kamen, kann man es nicht deutlich genug sagen: dies ist ein Film, der trotz oder gerade aufgrund seiner teils verwendeten Slapstick- und eher wenigen klassischen Schock-Elemente wohltuend aus der Masse herausragt. Misanthropen jedenfalls werden sich fragen, ob dieser Filmgott hier trinkt, weil es die Menschen noch gibt, oder die Menschen so sind bzw. waren, weil ihr Schöpfer im Grunde selber nur ein Arschloch ist. Und allesamt dürfen sich die Zuschauer daran ergötzen, wie das gastgebende Quartett selbst im Angesicht ihres nahenden Endes – wenigstens zwei von ihnen sollen das neue Jahr ja nicht mehr erleben – unfähig scheint, seine Kleingeistigkeit abzustreifen, obgleich alle irgendwie erkennen, dass es nun nicht mehr um Penispumpen oder Tortillas, wie zu Beginn der 93 Minuten, sondern um wirklich gewichtige Seinsfragen geht.



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