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zegra-haltungstrainerDie richtige Haltung – sowohl im Sitzen als auch im übertragenen Sinne des Wortes (Rückgrat zeigen) – zu finden, ist heutzutage ziemlich schwer. Während letztere, weil aufrecht durchs Leben gehen fast nirgends mehr opportun erscheint und zahllose Menschen lieber buckeln sich wohl hierzulande leider kurz- und mittelfristig kaum ändern wird, gibt es bei ersterer Problematik (rein physische Haltungsschäden) zumindest nominell Hoffnung. Weil schlechtes Sitzen irgendwann unweigerlich zu mehr oder minder starken Rückenschmerzen führt, ist man schneller bereit, diese mit Hilfe von Fachleuten korriegieren und ändern zu lassen. So ein Fachmann sei auch Physiotherapeut Peter Fischer. Er hat zudem ein kleines Gerät erfunden, das den Träger ggf. permanent an seine falsche Haltung erinnern soll.

Der technische Part des Haltungstrainers sieht auf den ersten Blick recht unspektakulär aus: ein knapp 2 cm dickes, 7 x 5 cm in Länge und Breite messendes schwarzes Kästchen mit Minischalter für drei Optionen und mit aufgedruckter Eigenwerbung ist batteriebetrieben (2 x AAA) und an einem schwarzen gummierten Band festgemacht, welches etwa drei Finger unterhalb der Brustwarze – unter oder oberhalb der Bekleidung (bei Frauen am besten mit Sport-BH) – geschnallt wird. Die Idee ist, dass das Gerät zunächst vom Träger auf die eigene – seiner Meinung nach – richtige Haltung programmiert wird. Der Haltungstrainer soll dann durch Vibrieren bei jeder Abweichung von dieser Programmierung auf eine Veränderung der Körperanspannung bis hin ggf. zur Anpassung der generellen Sitzposition einwirken.

In der Theorie klang das alles spannend. Wir wollten wissen, was der 189,- Euro Haltungstrainer namens ZEGRA (steht für Zero Gravity Attitude) in der Praxis kann. Das Programmieren des “Trainers” ist vermeintlich sehr einfach: den Gurt umschnallen, so dass das Teil mit dem Schalter nach vorne ragt und der Schriftzug unterhalb dem Schalter liegt. Dann solle man zunächst die Haltung einnehmen, bei der wir erinnert werden wollten, sie zu ändern – also in unserem Fall als Schreibtischtäter^^ eine relativ typische zusammengesunkene Sitzposition vor dem Computer. Hat man diese nun, soll der kleine Hebel auf “on” gestellt und die Hände auf die Oberschenkel gelegt werden. Nach ein paar Sekunden – während man etwa für sich bis fünf zählt – vibrierte der “Trainer” zum ersten Mal. Er war nun angepasst für den Tragezeitraum, bis zum Ausschalten. Beim nächsten Einschalten muss er neu programmiert werden.

Der Haltungstrainer verspricht zwei Möglichkeiten zur Kontrolle: er vibriert – wie ein Handy – unmittelbar bei der kleinsten Abweichung der gemerkten Besser-Position (Schalter auf “on”) oder erst nach 16 Sekunden (Schalter auf “del”). Letztere Einstellung erschien uns für unsere Zwecke generell plausibler, denn es kann ja vorkommen, dass man zum Beispiel etwas vom Boden aufhebt oder dass man in einer unteren Schublade kramt. So eine Bewegung ist meistens auch relativ rasch zu Ende. Hat man den Hebel auf “on”, so vibriert der Haltungstrainer jedesmal, wenn man sich auch gezielt bewegt, was auf Dauer extremst lästig werden kann, weil die im Übrigen ansteigenden Vibrationen direkt auf dem Brustkorb recht unangenehm rüberkommen – zwar nicht ganz wie eine Folter mit Strom, aber letztlich für Erwachsene schon irgendwie eine seltsame Erziehungsmethode. Die “del” Position gibt einem die Möglichkeit, “unbestraft” das Rückgrad auch um sonstigen Ermüdungserscheinungen vorzubeugen mal nach vorne oder zur Seite zu neigen.



zegraBesonders in der Anfangphase kann einem dieser Haltungstrainer mit seiner ständigen Vibration total auf den Geist gehen und teilweise gar zu sehr von der Arbeit ablenken! Erst langsam, nach und nach, durch Muskeln gestärkt, wird der Rücken in die – vielleicht – richtige Position gebracht, die vielleicht gesünder ist als bisher – und auf Dauer vielleicht Schmerzen erspart. Empfohlen wird etwa 2 Stunden 3 x pro Woche – mit einem Tag Pause dazwischen – sich den Gurt anzulegen, und das 4 Wochen lang, dann 4 Wochen zu pausieren usw., bis irgendwann der “Trainer” nicht mehr vibriert, was dann nicht an mittlerweile schwachen Batterien liege. In unserem Fall – 4 Wochen intensive Testphase an zwei Probanden (jeweils zwei Wochen) – war der eine nurmehr entnervt von diesem Gerät, weil auch ohne dass es letztlich noch nennenswert vibrierte, keinerlei subjektives Wohlbefinden im Rückenbereich auszumachen war und die Testerin, die ohnedies im Tagesschnitt nur ca. drei Stunden am Schreibtisch zu verbringen pflegt, das Gerät ihrer Meinung nach spätestens nach zwei Tagen hätte weglegen können, weil sie auch ohnedies von sich aus wusste wenn sie nicht so dolle gesundheitsschonend in die PC-Tastatur hackt. Vor die Wahl gestellt Haltungstrainer oder einen besonder ergonomischen Bürostuhl, einen perfekt auf ihre Körpergröße angepassten Schreibtisch etc. würde sie letzteres vorziehen.

Sie fragen sich vielleicht^^ warum wir gerade so häufig das Wort vielleicht benutzen mussten: Wir stellten uns nämlich bei besten Wissen und Gewissen die Frage, woher denn Laien zuverlässig wissen sollten, was die für jeweils richtige Haltung ist. Wären wir in Tübingen, wo der Erfinder seine Praxis hat, könnte er uns den Gurt selbst anlegen, aber so? Die mitgelieferte Gebrauchsanleitung erscheint hier nämlich letztlich etwas vage, nur eine Art Annäherung an die bestmögliche Idealposition: Sie empfiehlt aus einer ganz zusammengesunkenen Haltung in fünf Schritten bis zum Anschlag in Hohlkreuz aufzurichten und dann einen Schritt zurück zu gehen und die vierte Position als die geeigneteste zu nehmen. Klingt irgendwie nicht so hundert Prozent vertrauenserweckend. Ebenso letztlich ein klein wenig unbefriedigend ist unseres Erachtens selbst das Fazit einer Eigenwerbung (!) auf den Internetangeboten des Herrn Fischer: “Eine Studie der Sportmedizin der Universität Tübingen an PC-Arbeitsplätzen zeigte, dass 6 Wochen ZEGRA®-Haltungstraining die Rückenstreckerkraft, Wirbelsäulenbeweglichkeit und Wohlbefinden signifikant erhöhten.” Signifikant erhöhen bedeutet unseres Erachtens eben noch lange keine dauerhafte Linderung, keine wirklich generell zu empfehlende Alternative zu Arzt-bzw. Therapeutenbesuchen, geschweige denn das bestmögliche Resultat. Vor allem werden wir auch nach diversen Testreihen das Gefühl nicht los, dass das gesamte Gurtkonzept nur eine etwas schickere Variante zu mit vor Jahrzehnten gern mit Linealen um sich schlagenden Lehrern ist, wenn diese Pi mal Daumen mutmaßten, dass ihre Pennäler zu sehr herumlümmeln (nicht nur in der ersten Bank) könnten.


tacho-08Bestellablauf/Handling: 3/5
Qualität/Originalität: 3/5
Preis/Leistung 2/5

erhältlich beim Onlineshop der Haltungstrainer-Webseitefür knapp 190 Euro

Unser Fazit: Wenn man den Haltungstrainer als zusätzliche – neben Sport und oder Physiotherapie – Möglichkeit sieht, an seiner gesunden Haltung zu arbeiten, und den nötigen Willen und andauernde Motivation aufbringt, kann sich die Investition eventuell irgendwann auf Dauer lohnen – aber eher erst (der “Trainer” ist immerhin nicht permanent auf eine Person geeicht) wenn er abwechselnd von Mehreren – zum Beispiel innerhalb der Familie oder von Arbeitskollegen – benutzt wird.

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